"Loose Change": Verschwörungstheorie als Bürgerpflicht

7. August 2006, 20:12
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Dan Avereys Video "Loose Change" wurde ein veritabler Underground-Hit

Rund um das, was heute einfach 9/11 heißt, hat sich eine ganze Industrie von Verschwörungstheorien entwickelt. Das Video Loose Change von Dylan Avery ist, erhältlich im Internet, ein Brockhaus dieser Theorien.

Während Hollywood sich anschickt, mit Spielfilmen wie Flug 93 oder World Trade Center markante Puzzlestücke zu einer kanonischen Version der Ereignisse beizutragen, wird im Untergrund noch immer intensiv an einer alternativen Geschichte dieses Tages gearbeitet. Hier wird jedes Stichwort aufgegriffen und in einer rapiden Montage zu einem Indiz dafür verarbeitet, dass in Wahrheit nicht islamistische Terroristen die Täter waren.

In der seit einiger Zeit kursierenden zweiten Auflage von Loose Change verdichten sich die Hinweise darauf, dass die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon von langer Hand geplant waren und George W. Bush keineswegs so unwissend war, wie er in dieser Schule in Florida für ein paar lange Sekunden wirkte.

Bis in das Jahr 1962 reicht nach Auffassung der Macher von Loose Change die Vorgeschichte. Damals erreichte den Verteidigungsminister McNamara ein Memo, in dem fingierte Terroranschläge in Guantánamo Bay vorgeschlagen wurden, um einen Vorwand für eine Invasion in Kuba zu bekommen. Von diesem Punkt aus sammelt Avery alle möglichen Informationen ein, die in das Konzept passen.

So haben neokonservative Vordenker in Washington "ein neues Pearl Harbor" beschworen, als Voraussetzung eines revolutionären Ausbaus der US-Streitkräfte. Von ferngesteuerten Boeings bis zu dubiosen Aktiengeschäften vor den Attentaten vom 11. September 2001 gilt alles als Indiz, wobei Avery und seine Freunde großen Wert darauf legen, dass sie nicht auf geheimes Material zurückgreifen.

Das Problem von Loose Change sind der völlige Mangel an politischem "common sense" (je penibler die "Fakten" hinterfragt werden, desto stärker gerät die Geopolitik aus dem Blick) und die methodische Anhäufung "auffälliger" Umstände, die im Detail jedoch bei diesem Montagetempo weder auf ihren Gehalt noch auf ihre Plausibilität überprüfbar gemacht werden.

Loose Change hat viel zu viel "spin" für einen Dokumentarfilm, dem es um "Wahrheit" geht. Auch die Vermarktung bedient sich aller professionellen Tricks. So wird allen Hinterbliebenen der Opfer eine Gratis-DVD versprochen, während an das Pflichtgefühl aller anderen Bürger appelliert wird: Es sei deren "duty", sich mit Loose Change zu beschäftigen. Der als Produzent geführte Korey Rowe wird so zitiert: "Das ist die Kennedy-Ermordung unserer Generation."

Die jungen Macher von Loose Change wären dementsprechend die nächsten Oliver Stones. Genau dieses Generationengefühl haben inzwischen auch die Mainstreammedien in den Blick bekommen. Schon lange wird geargwöhnt, dass sich da eine ganze Schicht in ein mediales Paralleluniversum verabschiedet, mit eigenen Festivals, auf denen politisch engagierte, selbst gedrehte Filme gezeigt werden, und Vertriebswegen jenseits der Media-Stores.

Die Beobachtung der Karriere von Loose Change könnte darüber genauere Aufschlüsse geben, und auch darüber, ob diese Gegenkultur zu einer politischen Kraft wird, oder aber mit nur Aussteigerfantasien bekräftigt. (Bert Rebhandl/ DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2006)

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    plakat: loose change
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