"World Trade Center": Trümmer, Trauma, Therapie

7. August 2006, 20:12
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9/11 als Stoff für die US-Filmindustrie: Oliver Stone inszenierte "World Trade Center" - Im Internet analysiert der Film "Loose Change" Verschwörungstheorien

Für die New Yorker Polizisten William Jimeno und John McLoughlin begann der Arbeitstag am 11. September 2001 um halb vier Uhr früh. Er endete mehr als 24 Stunden später, als sie von Rettungskräften aus den rauchenden Trümmern des World Trade Centers geborgen wurden. Sie zählen zu den wenigen Überlebenden, die nach dem Einsturz der Türme noch gefunden wurden. Und sie sind Symbolfiguren für den Überlebenswillen des gesamten Landes geworden, das sich an diesem Tag von Feinden attackiert fühlen musste, von denen es davor kaum Notiz genommen hatte.

US-Regisseur Oliver Stone (Platoon, Geboren am 4. Juli, Natural Born Killers) hat die Geschichte von William Jimeno und John McLoughlin nun für das Kino adaptiert. Er hielt sich bei seinem Film World Trade Center, der vergangene Woche in New York Premiere hatte und diese Woche in den USA landesweit startet, so weit wie möglich an die tatsächlichen Geschehnisse.

Jimeno und McLoughlin gehörten zum PAPD (Port Authority Police Department). Die Rettungskräfte hatten an diesem Tag eine nahezu aussichtslose Mission, weil der Zeitraum zwischen dem Einschlag der Flugzeuge und dem Kollaps der Türme so ungeheuer kurz war. Es gehört zu den eindringlichsten Szenen von Stones Film, wie einige Polizisten unter der Führung von McLoughlin (im Film verkörpert von Nicolas Cage) versuchen, im Chaos die Ruhe zu bewahren, sich mit Sauerstoffflaschen zu versorgen und einen strategisch günstigen Ort für den Aufstieg zu finden, um Menschen aus den oberen Stockwerken zu retten. Jimeno (Michael Peña) meldete sich freiwillig zu dieser Gruppe.

Warten in Trümmern

All die bekannten Bilder vom 11. September 2001 sind in World Trade Center auf die erste halbe Stunde beschränkt, während deren die beiden Helden noch einen Kontakt zur Außenwelt haben. Dann bricht der erste Turm in sich zusammen.

Oliver Stone zeigt diesen Moment aus dem Inneren des Gebäudes, und vermittelt dabei zumindest in Ansätzen ein Bild davon, was es bedeuten muss, wenn eines der höchsten Gebäude der Welt auf Menschen herabstürzt. McLough-lin, Jimeno und einige Kollegen bleiben schwer verletzt unter den Trümmern liegen. Hoch über sich sehen sie durch einen Spalt das Tageslicht. Dann beginnt das lange Warten. Sie müssen ihre Schmerzen aushalten und den Durst, sie dürfen das Bewusstsein nicht verlieren, und sie müssen mitansehen, wie einer ihrer Kameraden versucht, sich selbst einen Gnadenschuss zu geben. Er kommt zu spät. Die herrenlose Pistole feuert sich später - aufgrund der Hitze? - selbst leer.

Die Szene kommt dem Drastiker in Oliver Stone entgegen, der sich sonst in World Trade Center sehr zurückhaltend gibt. Sobald seine Helden zur Bewegungslosigkeit verurteilt sind, verzweigt er die Geschichte in alle Richtungen: zu den Angehörigen, deren banges Warten das zweite Drama des Films ist; zu Polizisten in Wisconsin, die sich auf den Weg nach New York machen, um dort zumindest Bratwürste für die Einsatzkräfte zu grillen; und zu einem Soldaten von den Marines, der sich zuerst in eine Kirche setzt und lange auf ein Kreuz starrt, und dann auf eigene Faust loszieht, um vor Ort "das Einzige zu tun, was ich kann: helfen".

Urszene des Kriegs

Es spricht viel dafür, in dieser Figur einen Wahlverwandten des streitbaren Filmemachers Oliver Stone zu erkennen, der schon so viele Grabmäler für einfache Soldaten errichtet hat und hier für den "Krieg gegen den Terror" eine ganz eigene Urszene entwirft - einen aus der militärischen Hierarchie gefallenen Marine, der durch die Trümmer der Realpolitik irrt und nach einem Hoffnungszeichen such.

Die New Yorker Premiere war von kleineren Kontroversen überschattet. Angehörige von Opfern der Anschläge kritisierten, dass das Filmstudio Paramount nur einen geringen Anteil der Einspielergebnisse des Films an die Hinterbliebenen spenden will. Sie übersehen dabei, dass niemals in Geld aufzuwiegen ist, was Oliver Stone mit seinem Film zur Bewältigung des Traumas beiträgt: Das archetypische Bild am Ende, als McLoughlin wie aus einem Sarg an das Licht des nächsten Tages gehievt wird (ein neuer Lazarus, in dem sich die Nation wiedererkennen kann), legt sich über das Katastrophenszenario. Der Renegat Oliver Stone ist zum Therapeuten geworden. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2006)

Filmstart von "World Trade Center" in Österreich am 28. September 2006
  • US-Regisseur Oliver Stone (re.) am Set seines 9/11-Dramas "World Trade Center".
    foto:uip

    US-Regisseur Oliver Stone (re.) am Set seines 9/11-Dramas "World Trade Center".

  • Die verfilmte Katstrophe: Oliver Stones "World Trade Center".
    foto: uip

    Die verfilmte Katstrophe: Oliver Stones "World Trade Center".

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