Fad wie Feuermauern

9. Oktober 2006, 15:08
11 Postings

Das Betrachten von Wänden ziemlich genau doppelt so interessant und aufregend ist wie die TV-Übertragung eines Pokerturniers

Der Nächste, der behauptet, dass das spannend ist, kriegt eine Einladung. Zu mir nach Hause. Dort darf er (oder sie) sich vor die Feuermauer im Hof stellen. Ganz knapp davor. Oder in die Garage. Oder hinter den Altpapiercontainer. Und dort dann die Wand anschauen. Vier Stunden lang. Das ist nämlich spannender. Mein Wort drauf. Und das meiner Freunde.

Wir haben es nämlich ausprobiert. Und sind - nach Versuchen an mehreren Personen zu verschiedenen Tageszeiten und vor unterschiedlichen Außenmauern - zur Conclusio gekommen, dass das Betrachten von Wänden ziemlich genau doppelt so interessant und aufregend ist wie die TV-Übertragung eines Pokerturniers.

Dass mittlerweile auch Print-Magazine den als "Trend" missverstandenen Unfug, eine Hand voll Menschen mit eingefrorener Mimik (und mit Sonnenbrillen und Kappen) dabei abzufilmen, wie sie möglichst lang möglichst kaum etwas tun, promoten, ändert daran nichts. Verputzt oder unverputzt, bewachsen oder nackt: Feuermauern sind spannender. Viel spannender - daran ändert auch das "spannungssteigernde" Element, aktuelle Pulswerte der Zocker einzublenden, nichts. Spannend ist nur die Frage, wieso gerade Sportkanäle dieses Gegenteil von Fernsehen so gerne zeigen.

Egal. Irgendwo sitzen wohl wirklich Menschen gebannt vor dem Poker-TV-Bild. Und die sind unsere Hoffnung: Sie würden nämlich auf unser Konzept "Feuermauer-TV" voll reinkippen. Die Dreharbeiten der ersten Staffel könnten sofort beginnen. (rott/DER STANDARD; Printausgabe, 8.8.2006)

Share if you care.