Gang durch den Tunnel

29. Jänner 2007, 13:59
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Das ist jetzt der Höhepunkt der Angst, sagt er: Ich sehe ihn wie durch Milchglas, fühle nichts außer Furcht - Eine Reportage über ein Flugangst-Seminar

Auf dem Gehsteig vor dem Austrian-Gebäude nahe der Kurhalle Oberlaa liegt Pferdemist, und zwar eine ganze Menge. Weit und breit ist kein Pferd zu sehen. Kurz überlege ich, ob das vielleicht Absicht ist, eine Art Kunstwerk im öffentlichen Raum, symbolhaft für die Entwicklung des Menschen vom Benutzer tierischer Transportkraft hin zum Beherrscher der Flugobjekte. Aber das wäre wohl dem dümmsten PR-Manager zu blöd. Ich gehe weiter, ich merke, wie nervös ich jetzt schon bin.

Ich bin seit dreiundzwanzig Jahren nicht geflogen, das letzte Mal als elfjähriger Junge, und dieser Flug damals war ein solches Schreckensunternehmen, dass ich es nie wieder über mich gebracht habe, in ein Flugzeug zu steigen. Ich bin hier, um das zu ändern. Ich will nicht mehr mit dem Zug nach Berlin oder gar London fahren müssen. Ich habe keine Lust mehr, nur in Italien oder Kroatien Urlaub zu machen. Aber ob ich das schaffe? Ungefähr einmal pro Woche träume ich davon, mit dem Flugzeug abzustürzen, und mein Wissen über Flugzeuge stammt aus Filmen wie Katastrophenflug 342 oder Blitzschlag im Cockpit.

Nicht alle schaffen es mit dem Lift

So betrete ich an diesem Nachmittag das Austrian-Hauptgebäude, wo schon die anderen 14 Anti-Flugangst-Seminar-Teilnehmer warten: acht Frauen, sechs Männer. Dr. Wolfger, der Psychologe, der das Seminar leitet, holt uns bald ab. Nicht alle schaffen es mit dem Lift in den vierten Stock, ein dürrer junger Mann muss aus klaustrophobischen Gründen zu Fuß gehen. Überrascht stelle ich fest, dass ich nicht der einzige Mensch mit Problemen bin.

In einem Sitzungsraum gibt es Fruchtsaft, Wasser und je einen Duplo-Riegel. Dr. Wolfger ist ein großer, stämmiger Mann mit Brille und Vollbart. Während er einleitende Worte spricht, mache ich mir ein erstes Bild von den anderen Seminarteilnehmern. Ich sitze nicht unter Managern, wie ich es sonderbarerweise erwartet hatte, sondern unter gewöhnlichem Volk. Der einzige mit Krawatte bin ausgerechnet ich.

Ich frage mich, ob so Menschen aussehen, die mit dem Flugzeug abstürzen werden. Ob diese Runde hier zerfetzt, ins Meer stürzen, in einem Acker explodieren wird. Sehen dieso aus, als würden sie übermorgen sterben?

Dr. Wolfger bittet einen freundlich blickenden Mann im weißen Hemd, sich vorzustellen. Schon das erste Wort dieses Mannes holt mich aus meinen Gedanken. Er hat eine Stimme, die einen aufschauen lässt, sie ist kraftvoll und sonor zugleich, die Stimme sagt: "Mein Name ist Andreas Wolfauer, und Sie werden mit mir am Samstag nach Brüssel fliegen."

Kollektives Entsetzen

Kollektives Entsetzen, Rufe der Panik werden laut, Gelächter, Aufstöhnen. Also Brüssel. Schön. Werde ich in Brüssel sterben? Oder im Landeanflug auf Brüssel? Kapitän Wolfauer spricht weiter. Ich frage mich, ob sich Piloten einem Stimmtraining unterziehen. Es ist ungefähr fünfzehn Jahre her, dass ich einen Menschen mit ähnlich beruhigender Stimme getroffen habe, und das war mein Psychiater. Während der mir über Aggression und Angst und ihre Bewältigung erzählte, schlief ich regelmäßig ein, so sanft plauderte er mir ins Ohr. Bei Herrn Wolfauer ist es ähnlich. Es scheint zu stimmen, was alle sagen: dass Piloten eine Zuversicht spendende Ausstrahlung haben.

Nun wird uns viel erklärt. Warum wann welche Geräusche im Flugzeug zu hören sind. Was beim Starten genau passiert, was wir als Passagiere davon wahrnehmen können, warum wir uns deswegen keine Sorgen machen müssen; dass Herr Wolfauer seit 22 Jahren fliegt, in dieser Zeit jedoch erst ein einziges Mal erlebt hat, dass ein Triebwerk ausgefallen ist. Das Flugzeug kann aber auch mit einem Triebwerk weiterfliegen. Dass zu jeder Zeit 350.000 Menschen in der Luft sind. Und dass jährlich 30 Millionen Passagierflüge stattfinden, es aber nur auf 20 davon zu ernsten Zwischenfällen kommt. Bei 29,999.980 also nicht.

Nach knapp fünf Stunden ist der erste Seminartag vorbei. Über Angstbewältigung haben wir nicht viel gesprochen, dafür umso mehr mit dem Piloten geredet. Ich bedauere das nicht, obwohl mich ein theoretischer Vortrag über Angstbewältigung sehr interessiert hätte, ich fürchte mich nämlich schon, wenn ich hundert Meter weiter einen Betrunkenen grölen höre, und taste nach dem Pfefferspray in meiner Tasche, mit dem ich ansonsten wütende Hunde einweiche. Zu meinem Erstaunen merke ich, dass man Angst vor dem Fliegen durch Gespräche mit einem Piloten verringern kann. Ich bin nicht mehr hundertprozentig sicher, am Samstag zu sterben. Und ich habe noch eine Erkenntnis gewonnen: Bei allen Seminaren gibt es denselben Typen. Nämlich den, den man in anglophonen Ländern Smartass nennt.

--> Tag 2

Tag 2

Treffpunkt ist die Austrian-Flughafenbasis in Schwechat, genauer gesagt, der Platz vor dem Häuschen des Portiers. Ich bin natürlich der Erste, ich habe fast nicht geschlafen. Nach und nach treffen alle Seminarteilnehmer ein. Die übliche Fraternisierung findet statt. Ich halte mich abseits. Dennoch werde ich Ohrenzeuge bemerkenswerter Dialoge: "Wir sind von Eisenerz." – "Wir sind aus Kuchl." Aufblickend stelle ich fest, dass da eine Frau mit einer anderen Frau spricht. Eine einzelne Person mit einer anderen. Dieses landschaftliche Wir werde ich nie verstehen.

Der kahle, kräftige, mönchisch aussehende Mann – ich nenne ihn Bruder Tuck –, der nicht an Flug-, sondern Höhenangst leidet, geht so breitbeinig, als hätte er gewöhnlich Pferde unter sich. Eine dicke alte Spanierin hat sich ihr Namensschild so an die Bluse geheftet, dass sein Gewicht das Dekolleté ungebührlich weit hinunterzieht. Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll. Ein Mann um die vierzig, er ist mir schon am Vortag aufgefallen, hat einen stechenden Silberblick und wirkt aggressiv. Er ist fahrig, stöhnt oft auf, und mitunter ist in seinen Augen jenes Flackern zu sehen, das man bei Psychopathen beobachten kann. In einem blonden Mann mit Hut und seltsam schäbigen Lackschuhen erkenne ich Mr. Smartass von gestern. Er bemüht sich um eine besonders noble Wortwahl, verwendet Fremdwörter, scheitert aber in unregelmäßigen Abständen an der Syntax.

Als endlich alle beisammen sind, führt uns Dr. Wolfger in einen Seminarraum. Der Klimaanlagenirrsinn ist längst auch hier zu Lande ausgebrochen, und wir sitzen in einem Raum, in dem es etwa 18 Grad hat. Zum Glück geht es bald wieder hinaus. Wir besuchen ein Kabinenmodell: einen Simulator. Die Schuhe müssen wir ausziehen.

Mein Gott, wie eng, denke ich mir in der Kabine, und: Nie und nimmer steige ich morgen in so etwas ein. Wir schnallen uns an. Es stinkt. Wir hören Turbinengeräusche. Ein junger Flugbegleiter übernimmt die Rolle des Kapitäns, er macht Durchsagen und bedient den Simulator. Wir rollen zur Startbahn. Das Flugzeug beschleunigt. Wir heben ab. Ich weiß, ich befinde mich vier Meter über dem Boden, aber wohl fühle ich mich nicht.

Eine unangenehme Rüttelei beginnt. Der Flugbegleiter erklärt uns, das seien bereits mittlere bis schwere Turbulenzen, die so in der Realität außerordentlich selten vorkämen. Mir wird schlecht. Nach einigen Minuten endet die Wackelei. Ich höre Dr. Wolfger zu, schließe dabei die Augen. Beinahe schlafe ich ein. Ich erinnere mich an den Kapitän und an meinen Psychiater. Ob hier alle auf Stimmhypnose geschult sind?

Mr. Smartass schlägt sich beim Aufstehen den Schädel an und wirkt in den folgenden Stunden teilnahmslos. Mittags essen wir im Flughafenrestaurant Balloon. Währenddessen beobachten wir die Starts der Flugzeuge. Eines nach dem anderen beschleunigt, hebt ab, steigt auf – und zu meinem Erstaunen fällt keines dabei herunter.

Am Nachmittag besuchen wir die Fluglotsen im Tower. Einer von ihnen erklärt uns Verschiedenes. Ich höre nicht zu, die Aussicht in 100 Meter Höhe ist zu eindrucksvoll. Außerdem faszinieren mich die Lotsen, oder genauer, die Lotsinnen. Ich sehe zwei junge Frauen, hübsch, ruhig, freundlich wirkend, und ihr Englisch ist so schön, dass ich kaum glauben kann, dass das Österreicherinnen sind. Nach einer Stunde ist ihre Schicht vorüber.

Ich gehe umher. Manchmal fühlt man das Schwanken des Towers. Das macht mir nichts aus, offenbar habe ich keine ausgeprägte Höhenangst. Bruder Tuck hingegen steht in der Mitte des Raumes und hält sich an einem Schreibtisch fest. Er atmet schnell, auf seiner Stirn steht Schweiß. Ich muss daran denken, dass ich in 24 Stunden in ein Flugzeug einsteigen werde. Ich merke, wie ungeheuer groß meine Angst davor ist. Der Blick in den Abgrund hier ist dagegen gar nichts. Er macht mir nur noch mehr bewusst, wie gern ich lebe, und wie ungern ich vom Himmel fallen würde.

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Tag 3
Mit dem City Airport Train fahre ich zum Flughafen. Ich habe Magenschmerzen, meine Verdauung rebelliert, mein Herz schlägt schnell. Ist es mein letzter Tag? Werde ich am Abend mit diesem Zug zurück in die Stadt fahren? Oder irgendwo zwischen Österreich und Belgien zerschellen? So absurd diese Angst normalen Menschen erscheint, so real ist sie für mich. Meine Chancen, den Tag zu überleben, stehen 50:50, schätze ich.

Nach dem Vortrag eines Ingenieurs steigen wir zum ersten Mal in ein echtes Flugzeug, einen Airbus 330. Ein Riesenvogel, finde ich, aber sonderbarerweise fürchte ich mich nicht mehr so sehr. Alles wirkt, als könne man die Beförderung in dieser Maschine sogar wirklich überleben. Dennoch merke ich allmählich, dass sich in mir einiges ereignet. Ich habe das Gefühl, alles durch einen Schleier wahrzunehmen. Beklemmung. Angst. Was heißt, ich fürchte mich nicht mehr so sehr? Und wie ich mich fürchte – aber mein Körper beginnt, sich an die Angst zu gewöhnen und durch Morphinausschüttung anzupassen.

Mittagessen im Balloon. Dabei sind neben der Chefflugbegleiterin auch die Piloten, Andreas Wolfauer und Christian Berghold. Berghold sitzt mir gegenüber, er ist 27 und wird mich von Brüssel nach Wien zurückfliegen. 27!

Sieben Jahre jünger als ich! Dass er so jung ist, macht mir einerseits Sorgen, andererseits finde ich sofort einen persönlichen Zugang zu ihm. Es ist wie bei Ärzten, mit Menschen aus der gleichen Generation spricht es sich leichter. Hinter ihm sehe ich Maschine um Maschine starten. Noch vier Stunden. Dreieinhalb. Drei.

Vor dem Check-in besprechen wir mit den Piloten noch einmal den bevorstehenden Flug. Ich bin so von Angst erfüllt, dass ich das Gefühl habe, das alles passiere nicht mir, sondern einem anderen, der ich ist und ein Stück vor mir geht. Auch die anderen sind offensichtlich angeschlagen. Der Silberblick-Psychopath zuckt mit Armen und Beinen und reibt sich die Fäuste so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten.

Beim Verlassen des Seminarraums ist mir schlecht. Ich wünsche mir, dass irgendjemand sieht, was mit mir los ist, und mir hilft, mich rettet. Und tatsächlich, Kapitän Wolfauer sieht es, er drückt mir die Schulter und sagt: "Es geht alles gut, versprochen!"

Dann der Marsch durch den Flughafen. Dann die Kontrollen. Dann ein kurzer Aufenthalt in der Business-Lounge. Christina Stürmer sitzt am Nebentisch, aber allen ist es egal. Dann der Check-in. Und dann der Gang durch den Tunnel ins Flugzeug.

Wir sitzen in der Business-Class. Andere Menschen zwängen sich neben mir nach hinten. Ich höre die Turbinen, für mich sind es Todesorgeln. Ich muss mit Willenskraft einen Tränenausbruch unterdrücken. Ich bin kurz davor, hinauszulaufen. Ich bleibe nur, weil ich weiß, dass ich mich andernfalls verfluchen werde. Dr. Wolfger merkt, dass bei mir die Dinge nicht zum Besten stehen, und versucht mich zu beruhigen. Das jetzt ist der Höhepunkt der Angst, sagt er. Sie wird bald schwächer werden. Ich sehe ihn wie durch Milchglas, sehe seinen Bart, fühle nichts außer Furcht.

Als die Tür geschlossen wird, kann keine Rede davon sein, dass meine Angst nachlässt. Und das ärgert mich. So sehr, dass ich mir vor Augen halte, wie unwahrscheinlich ein Absturz ist. Aus irgendeinem Grund hilft das ein wenig. Wir rollen zur Startbahn, und meine Angst wird geringer.

Es geht los. Die Beschleunigung ist gewaltig, kein Vergleich zum Simulator. Meinem Gehirn ist die Sache zu viel geworden, es hat ein wenig abgeschaltet, und meine Angst hat sich in etwas verwandelt, das bei mir sitzt, aber nicht mehr in mir. Wir heben ab, ich schaue aus dem Fenster, schon nach wenigen Sekunden sind wir in erstaunlicher Höhe. Das Flugzeug fliegt. Ich erlebe, wie sich das anfühlt. Es schwimmt auf der Luft.

Nach zwanzig Minuten erlischt das Anschnallzeichen, ich stehe auf und gehe herum. Schließlich darf ich ins Cockpit. Das Panorama ist unglaublich. Meine Ohren knacken, ich bin auf 8500 Meter Höhe und sehe zum ersten Mal in meinem Leben die Erdkrümmung. Eine Weile reden wir, die Piloten sind vollkommen entspannt, offenbar ist das für sie wie Rikschafahren. Ich mache einem der anderen Teilnehmer Platz. Es ist der Mann mit dem Silberblick, er wirkt vollkommen weggetreten. Besorgt warte ich, ob ich meine schwachen Kräfte einsetzen muss, um beim Niederringen eines Wahnsinnigen zu helfen. Als ich in den Passagierbereich zurückkehre, nehme ich die Blicke eines orientalisch aussehenden Mannes auf, der im Koran liest. Er sieht beunruhigt aus, misstrauisch verfolgt er das Kommen und Gehen im Cockpit.

Ich trinke Wein, versuche in der Zeitung, die zwischen meinen Händen durchnässt wurde, noch etwas zu entziffern, versuche Musik zu hören, aber ich kann mich auf nichts konzentrieren. Ich will mir etwas notieren. Meine Feinmotorik lässt nicht zu, einen Kugelschreiber zu bedienen. Bruder Tuck fragt mich ständig, wie es mir geht. Die alte Spanierin nickt mir zu, Mr. Smartass winkt und lacht. Der, der ich ist, lacht zurück.

Der Landeanflug auf Brüssel. Mein Puls steigt wieder. Wir ziehen Schleifen. Kurvenfliegen, stelle ich fest, gefällt mir nicht so gut wie Geradeausfliegen. Wir sinken, sinken, neben uns sieht man Häuser, und ich denke fröhlich: Jetzt wäre es gut, wenn da unten eine Landebahn wäre. Ich lache hysterisch. Rings um mich ebenfalls Heiterkeit. Das Flugzeug setzt auf, bremst ab, ich bin in Brüssel.

Wir haben 20 Minuten. Wie die wilden Horden stürmt unsere Gruppe durch die Halle zu den Dutyfreeshops. Ich kaufe zwei Schachteln belgische Pralinen und bezahle dafür 47 Euro. Dann habe ich Zeit, meine Frau anzurufen. Ich erzähle ihr, dass ich mich vor dem Rückflug nicht mehr fürchte. Ich weiß nicht, warum es so ist. Wohl die Euphorie, die Begeisterung darüber, nicht gestorben zu sein.

Ich bin der erste der Gruppe, der wieder in die Maschine steigt. Wir rollen zur Startbahn. Keine Furcht, nur eine gewisse Unruhe. Dass das alles nicht mir passiert, sondern einem, der ich ist, daran hat sich allerdings nichts geändert. Als wir Reiseflughöhe erreichen, lasse ich mir von einer schönen Flugbegleiterin Pinot Noir einschenken, der leider nur in 0,1-Liter- Gläsern gereicht wird, und wer will da schon dauernd nachbestellen, wie sieht denn das aus. Wir schauen hinunter auf Frankfurt. Noch einmal besuche ich das Cockpit. Wir fliegen der Nacht entgegen, ich sehe das schmale dunkle Band kommen und bin ergriffen.

Landeanflug auf Wien. Das Licht erlischt, ich sitze im Dunkeln. Panik erfasst mich, aber nur kurz. Etwas in mir erinnert sich an die Flüge, die ich als Kind erlebt habe, und da war das auch so. Richtig, fünf Minuten später landen wir. Wohlbehalten. Mir wird bewusst, dass ich es hinter mir habe.

Unsere Gruppe lässt die anderen Fluggäste aussteigen. Kapitän Wolfauer und seine Crew erscheinen und applaudieren uns. Wir bekommen Sekt und Urkunden, dann marschieren wir hinaus, sammeln uns in der Ankunftshalle. Bruder Tuck schlägt mir auf die Schulter.

Ich verabschiede mich von Dr. Wolfger, winke dem netten Mann mit dem Silberblick. Vor mir stehen Menschen, mit denen ich unter normalen Umständen nichts gemein hätte, mit denen ich keine Gesprächsbasis hätte, die ich nach fünf Sekunden vergessen hätte. Aber jetzt ist das anders. Ich war mit ihnen in subjektiv erlebter Todesgefahr, wir haben zusammengehalten, jetzt sind sie für alle Zeit meine Freunde. Ich werde an sie denken, wenn ich das nächste Mal in eine Maschine einsteige. Nur einer wird mir noch mehr fehlen als sie: mein Kapitän. (DER STANDARD Printausgabe, 08./09.07.2006)

Thomas Glavinic schreibt Romane, Essays und Reportagen. Sein neuer Roman "Die Arbeit der Nacht" erscheint am 26. August bei Hanser.
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