Krise im Kopf

18. Oktober 2006, 19:50
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Frauen sind Männern im Berufsleben längst nicht gleichgestellt. Expert­Innen über Entgelt-Diskriminierung, sexuelle Belästigung und Mobbing - ein derStandard.at-Stimmungsbericht

Die düsteren Aussichten auf dem Arbeitsmarkt machen den Jungen Angst. Wer nach ihrem Lebensgefühl fragt, bekommt Begriffe wie "gestresst", "verunsichert", "genervt" zu hören. Nicht ohne Grund. Österreichs Arbeitsmarkt befindet sich seit Jahren in einer Krise. Die Situation der Jobsuchenden hat sich massiv verschlechtert. In allen Altersgruppen. Mittelfristige Prognosen verheißen keine Entwarnung.

196.699 Menschen waren Ende Juli in Österreich arbeitslos gemeldet, um 6,7 Prozent weniger als vor einem Jahr, wie es heißt. Davon befanden sich 49.542 Menschen in Schulungen. Die schwächste Gruppe am Arbeitsmarkt bilden Frauen, Jugendliche, Menschen mit Behinderungen und Ausländer.

Der kleine Unterschied

Ende Juli lag die Jugendarbeitslosigkeit (15 bis 24 Jahre) offiziell bei 32.580. Besonders betroffen sind Mädchen. Sowohl Zugang zum Arbeitsmarkt als auch Berufsleben selbst sind stark gezeichnet von geschlechtsspezifischen Kriterien. Auch wenn Alter und Erfahrungsschatz steigen - Diskriminierungen bleiben.

"Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen." - Was der griechische Philosoph Sokrates schon im fünften Jahrhundert v. Chr. zu wissen vermeinte, scheint heutzutage aktueller denn je. Bereits beim Beginn des Erwerbslebens sind die Einkommensunterschiede zwischen jungen Männern und jungen Frauen beachtlich. Die Differenz beträgt laut Ingrid Moritz, Beauftrage der Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte, knapp 19 Prozent. Von Gleichbehandlung also keine Spur, sexuelle Übergriffe und Mobbing gegenüber Mädchen keine Seltenheit, bringt es Moritz auf den Punkt.

Traditionelle Berufe

Vor dem Hintergrund der angespannten Arbeitsmarktsituation zeigt sich, dass sowohl Qualitätsansprüche an die existierenden Arbeitsplätze als auch Gleichstellungsziele verblassen. Die gesellschaftlichen Erwartungen tun ihr Übriges, wie im Bericht der Anwaltschaft für Gleichberechtigung ersichtlich wird:

Einer arbeitslosen Balletttänzerin wird beim AMS mitgeteilt, sie könne immer noch putzen gehen, sie sei ja eine Frau.

Oder: Eine junge Frau bewirbt sich in einer Mechanikerwerkstatt. Dort wird ihr geraten, sie solle doch lieber Friseurin werden.

Nur zwei Beispiele von vielen, wo Mädchen bereits in jungen Jahren erfahren müssen, dass sie für bestimmte Berufe nicht willkommen sind.

Unbezahlte Arbeit ist weiblich

Kaum verwundert es also, dass Mädchen bei ihrem Berufswunsch nach wie vor zu den traditionellen weiblichen Beschäftigungsformen (Handel, kaufmännische Berufe, Friseurinnen, Kosmetikerinnen) greifen. Für Moritz verständlich, spricht doch eine Untersuchung zu bezahlter und unbezahlter Arbeit (Mikrozensus 2002) eine deutliche Sprache: 6,6, Stunden verbringen Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren im Schnitt mit Aufgaben im Haushalt, bei Männern sind es lediglich 1,8. Ähnlich bei der Kinderbetreuung: 5,7 Stunden bei Frauen, 0,7 Stunden bei Männern. Grob gesagt - ein Verhältnis 1:6, das sich auch mit zunehmendem Lebensalter kaum ändert. Der soziale Status der Eltern wird den Kindern weitergegeben. "Ein erschreckendes Bild", so Moritz.

Die soziale Kompetenz von Frauen wird auch in der Berufswelt als selbstverständlich angesehen und häufig als verkaufsfördernd eingesetzt, bei Männern hingegen führt diese Qualifikation nicht selten zu höherer Entlohnung.

Forderungen statt Förderungen

Neben der Kritik an der anhaltenden Segmentierung des Arbeitsmarktes sieht Moritz in der Blum-Förderung gleich ein doppeltes Versäumnis: Zum einen hätte sich gerade hier eine gute Möglichkeit geboten, diesem Trend entgegenzusteuern, hätte man den Bonus beispielsweise mit Zukunftsberufen und Qualität gekoppelt. Darüber hinaus liegen Aufzeichnungen vor, dass manche von der Prämie profitierten, ohne die dafür - explizit vorgeschriebene - zusätzliche Stelle geschaffen zu haben. 12.000 Förderungen gab es im vergangenen Jahr, wie viele davon tatsächlich die Blum-Kriterien erfüllt haben, bleibt dahingestellt.

Ein weiteres Problem sieht Moritz im Übergang von Ausbildung zu Berufswelt. Deutlich mehr Mädchen (Studie 2001: 22 Prozent) als Burschen (13 Prozent) beenden das Arbeitsverhältnis noch in der Probezeit. Für die Beauftragte der Arbeiterkammer möglicherweise die Folge einer eintretenden Schwangerschaft. Nikolay-Leitner geht noch weiter und will sexuelle Belästigung als Kündigungsgrund nicht ausschließen. Die wenigsten der Jugendlichen suchen Hilfe bei der Gleichbehandlungskommission. Von 5.500 Anliegen sind es gerade einmal zwei Dutzend, die sich in den letzten Jahren an diese Stelle wandten.

Langer Weg zur "starken Frau"

Nikolay-Leitner: "Diskriminierung zieht sich durch alle Branchen und Altersgruppen". Diskriminierung in der Arbeitswelt und ethnische Diskriminierung außerhalb der Arbeitswelt betreffen junge Menschen in der Hauptsache. Während sich bei älteren Arbeitnehmerinnen langsam, sehr langsam, eine Veränderung bemerkbar macht, haben "Jugendliche nichts zu gewinnen". Stand eine Frau vor 15 Jahren auf, um auf ihre Rechte zu pochen, wurde ihr schnell der Stempel der "Diskriminierten oder des Armutschkerls" aufgedrückt, heute wird sie durchaus als "starke Frau" gesehen.

Doch der Leidensweg ist meistens ein langer. Grundsätzlich gilt: Je qualifizierter die Frau, desto länger dauert es, bis sie sich selbst nicht mehr an den Tatsachen vorbeischummeln kann. Besonders betroffen sind beispielsweise Journalistinnen, laut Nikolay-Leitner oft besser ausgebildet als ihre männlichen Kollegen, die ohne weiteres 40 Jahre alt werden können, bis sie merken (wollen), dass sie beruflich benachteiligt werden. In der Regel wird ihnen erst in dem Moment bewusst, dass sie eigentlich nur zweite Garnitur sind, wenn es um die Vergabe einer Aufstiegsposition geht.

Bewusstsein

Eine weitere Tatsache: Je schwächer die Position der Frau in der Arbeitswelt, desto wahrscheinlicher ist die sexuelle Belästigung. Fortschritte gab es zwar in den letzten Jahren, indem in größeren Unternehmen durch Information und Aufklärung ein Bewusstsein für dieses Problem geschaffen wurde. In kleineren Betrieben, wie zum Beispiel Friseursalons oder in der Tourismus-Branche, herrscht aber nach wie vor viel Nachholbedarf. Nicht zuletzt zwei Mal jährlich stattfindende Workshops für MultiplikatorInnen, durchgeführt von der Gleichbehandlungsanwaltschaft, sollen zur Sensibilisierung dieses Problembereichs beitragen.

Die Fortschritte zur Eindämmung geschlechtsspezifischer Diskriminierung sind erkennbar. Die Vorlaufzeit bei Gender-Problemen beträgt laut Nikolay-Leitner bei zehn bis 15 Jahren. Umdenken braucht Zeit. Erfolge sind da, viel Arbeit wartet noch. (Sigrid Schamall)

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    Die Bundesjugendvertretung lud ExpertInnen aus dem Bereich Jugend und Arbeitsmarkt zum Thema "Geschlechtergerechtigkeit bei jungen Menschen am Arbeitsmarkt".

  • Dr. Ingrid Nikolay-Leitner, Pädagogin, Psychologin und Juristin, Anwältin für Gleichbehandlungsfragen im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen: "Den Jungen wird schon mit 15 Jahren vermittelt. dass sie am Arbeitsmarkt nicht willkommen sind."
    foto: derstandard.at

    Dr. Ingrid Nikolay-Leitner, Pädagogin, Psychologin und Juristin, Anwältin für Gleichbehandlungsfragen im Bundesministerium für Gesundheit und Frauen: "Den Jungen wird schon mit 15 Jahren vermittelt. dass sie am Arbeitsmarkt nicht willkommen sind."

  • Mag.a Ingrid Moritz, von der Frauenabteilung der Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte, fordert Maßnahmen gegen die Segmentierung am Arbeitsmarkt.
    foto: derstandard.at

    Mag.a Ingrid Moritz, von der Frauenabteilung der Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte, fordert Maßnahmen gegen die Segmentierung am Arbeitsmarkt.

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