Fastfood

8. August 2006, 19:06
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Die arabisch aussehende Großfamilie saß im Burgerladen – und aß Pizza aus dem Karton

Es war neulich. Und weil vorher nicht allzu viel zu tun gewesen war saßen wir im besseren Burgerlokal. Einmal in zwei Monaten, hatte S. gemeint, als sie mich reingezogen hatte, dürften wir uns den massiven Fett- und Frittierfutterstoß schon gönnen. Noch dazu, weil die Woche hart, lang und mühsam gewesen sei – und Fett, richtig fettes Fett, so eine Schoko-Funktion habe. Oberflächlich und für den Augenblick – und genau das, hatte S. gemeint, wäre das, was wir jetzt bräuchten: Nachher müssten wir ohnehin wieder zurück in die bizarre Echtwelt. Und im Studio, beim Reden über FPÖ und BZÖ, zumindest versuchen, dieses spezielle Affentheater ernst zu nehmen.

Ich hatte mich nicht gewehrt. Und mich vor allem auf S.' Versprechen verlassen, dass es in einem Burgerladen außer Pommes und Burgern garantiert nichts gäbe, was Auge oder Hirn mehr in Anspruch nehmen könnte, als die Frage: "Super-Size?". Aber dann setzte sich die arabische Familie an den Tisch neben uns.

Der Clan

Wir gingen jedenfalls davon aus, dass es sich um Touristen aus dem arabischen Raum handelte: drei Männer im mittleren Alter, zwei ältere Herren, neun verschleierte Frauen, vier Kinderwägen und ein Kindergewusel. S. und ich grinsten einander gratulierend zu: Zum Glück waren wir beim Bestellen nicht hinter dieser Gruppe in der Schlange gestanden – das hätte dann wohl ein bisserl länger gedauert. Aber irgendetwas, merkten wir, stimmte da trotzdem nicht.

Was genau, fiel uns erst auf, als dann noch ein Mann mit zwei weiteren verschleierten Frauen die Burgerhalle betrat: Die Araber hatten nichts zu essen vor sich stehen. Keine Burger, keine Pommes. Nicht einmal Salat. Aber die gerade dazu stoßende Troika änderte das gründlich: Der Mann trug einen ganzen Stapel Pizzakartons. Eine der Frauen hatte eine Ladung Starbucks-Becher im Arm – und die andere schleppte ein paar kleine Cola- und Wasserflaschen herein.

Falschesser

Draußen goss es. Im Burgerland war es dampfig und ziemlich voll. Der Mann begann Pizzakartons an seine Gruppe zu verteilen. Wir taten gar nicht mehr so, als würden wir nicht gaffen. Und auch von den Nachbartischen schaute man jetzt zu den in aller Ruhe "falsch" essenden Fremden. Ein Knabe im Kurt-Cobain-Leiberl lachte und sagte, dass er das demnächst auch versuchen werde: das Pizzaservice ins Burgerrestaurant rufen – obwohl es eigentlich noch lustiger wäre, sich ein Wienerwald-Hendl ins Steirereck liefern zu lassen.

Natürlich warteten wir alle darauf, was die Burgerhaus-Mitarbeiter tun würden. Denn dass das nicht unkommentiert bleiben konnte oder durfte, lag eigentlich auf der Hand. Aber die Burgermenschen taten, als sähen sie nichts. Einige ältere Tischabräumer machten extra große Runden um die arabische Tafel. Einer ging einmal vorbei und sammelte zwei leere Pizzakartonteile ein, die ein Kind fallen gelassen hatte.

Jungburgerservicekräfte

Hinter der Burgerbudel aber steckten zwei pickelige, geschorene Jungburgerservicekräfte die Köpfe zusammen – dann tippte einer von ihnen dem augenscheinlich den Shopmanager gebenden Inder, Pakistani, Thai oder sonst woher stammenden, definitiv sehr unblonden Mann auf die Schulter und zeigte dann süffisant-anklagenden Blickes auf die Großfamilie im Speisesaal: Jetzt musste der Mann etwas tun.

Der Manager ging zu der Gruppe. Einer der mittelalten Männer sah ihn halb fragend, halb wissend-entschuldigend an. Im Lokal war es still geworden. Dann aber stellte der Manager einen kleinen Becher Cola zwischen die Pizzakartons: "Wer bei uns isst, muss bei uns konsumieren", sagte er dazu. "Deshalb es ist mir eine Freude, sie und ihre Familie auf dieses Getränk einzuladen." Er sagte das sehr laut und sehr deutsch.

Der Tourist verstand zwar kein Wort, aber wohl ihren Inhalt. Der pickelige Jungburgerrecke hinter dem Tresen, der den Weg seines Chefs quer durchs Lokal mit einem bösartig-triumphierenden Grinsen begleitet hatte, lief vor Wut rot an. Bevor er platzen konnte, verdrückte er sich in die hintere Küchenzone. Draußen goss es in Strömen. Das Kurt-Cobain-T-Shirt nebenan begann zu applaudieren. S. lachte. Dann klatschten wir auch.

  • Jeweils montags, mittwochs und freitags eine Stadtgeschichte
von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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