Ein Schiff in der Altstadt: "La Strada" in Graz beendet

6. August 2006, 20:43
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Erneut 120.000 Besucher beim internationalen Festival für Figuren- und Straßentheater

Graz - Ein ausgewachsenes Schiff, das eingekeilt zwischen den alten Häusern am Grazer Karmeliterplatz zur Bühne wird, während das Publikum - rund 2500 "Passagiere" - selbst an Bord ist, nass gespritzt wird und von der irre umherlaufenden Kreatur Victor Frankensteins angepöbelt wird: Der Abschluss des internationalen Festivals für Figuren- und Straßentheater La Strada am Samstag durch die französische Compagnie Jo Bithume war ähnlich spektakulär wir jene großen Finali und Eröffnungen, die das Festival der Stadt nun seit neun Jahren schenkt.

Doch insgesamt hat sich La Strada unter der Leitung von Werner Schrempf und Diana Brus, der Tochter von Günter Brus, von einem feinen, kleinen Festival zu einem der größeren Theaterevents Europas entwickelt. Auch heuer sahen über 120.000 Besucher die 126 Vorstellungen. Mehr als zwei Drittel der Produktionen konnten bei freiem Eintritt gesehen werden. Oper und List-Halle waren ausverkauft.

Seit drei Jahren ist La Strada Teil des europäischen Straßenkunstnetzwerkes in-situ. Dass in diesem französische, italienische, spanische und niederländische Gruppen vorherrschen, aber nur wenige aus den ehemaligen Ostblockstaaten, fällt auf. Auch in Graz hörte man neun Tage lang vor allem Französisch.

"Das liegt daran, dass viele osteuropäische Gruppen zwar großartige Programme machen, aber sehr lokale Themen behandeln, die bei uns nicht funktionieren würden. Außerdem hatte man dort früher subventionierte Staatstheater und kämpft nun allein ums überleben", erklärt Brus. Ab 2007 soll sich das aber ändern und den "Drittländern" auch finanziell von in-situ entgegengekommen werden. Die Compagnie Jo Bithume, die mit einer Federico-Fellini-Nacht im Grazer Stadtpark das Festival eröffnete und am Samstag mit der Geschichte Victor Frankenstein abschloss, war eine der vielen französischen Gruppen - aber bei weitem nicht die beste.

Poetischer Spaziergang

Denn die angenehmste Überraschung des Festivals war die fünfköpfige Artistengruppe Baro D'evel, die Hochleistungsakrobatik wie einen humorvollen und poetischen Spaziergang aussehen lässt. Mit der international mehrfach preisgekrönten Produktion Bechtout (Romanes für "Setz dich!") erzählten die jungen Künstler mit einfachsten Hilfsmitteln, wie leeren Plastiksackerln und alten Töpfen, und ihren Körpern die schönsten Geschichten - und ernteten Standing Ovations in der mondänen List-Halle. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

  • "Expedition Paddock" bei La Strada in Graz
    foto: la strada

    "Expedition Paddock" bei La Strada in Graz

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