Der weise Welt-Erzeuger: Nelson Goodman wäre 100 Jahre alt

17. August 2006, 14:41
1 Posting

Er war einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts

Nelson Goodman betrat die deutschsprachige intellektuelle Bühne langsam. Zuerst sprachen die Philosophen von ihm, dann die Kulturtheoretiker. Ein ausgezeichnetes Buch über Kunst hätte er geschrieben, wussten letztere zu berichten. Und ein Freak sei er obendrein, denn er würde nicht nur in Harvard Philosophie unterrichten, sondern hätte auch eine Kunstgalerie. Oder hätte wenigstens einmal eine solche gehabt.

Das war Ende der Achtzigerjahre. Eine halbe Dekade später wurde Nelson Goodman bereits von allen möglichen Menschen zitiert. Von Unternehmensberatern, die auf seine eben als Taschenbuch erschienen "Weisen der Welterzeugung" gestoßen waren. Oder von Management-Theoretikern, die sich durch die "Sprachen der Kunst" gekämpft hatten, weil sie die darin enthaltene Symboltheorie für Fragen des Wissensmanagements zu nutzen können glaubten.

Goodman selbst war zu diesem Zeitpunkt vor allem eines: steinalt – und ein Superstar der angelsächsisch-amerikanischen Philosophie. Seine wichtigsten Bücher hatte er längst geschrieben ("Fact, Fiction and Forecast" 1954, "Languages of Art. An Approach to a Theory of Symbols" 1968 oder etwa "Ways of Worldmaking" 1978), und seine Reputation war in seinem Heimatland nahezu grenzenlos.

In Europa musste erst die Kritische Theorie weg- und der Konstruktivismus ausgepackt werden, damit sein Stern aufgehen konnte. Denn Goodman, der seinen Ansatz als "radikalen Relativismus unter strengen Einschränkungen" bezeichnete, hatte zweifellos etwas "Konstruktivistisches" an sich. Wenngleich er meilenweit von Maturana, Selbstorganisation und Systemtheorie entfernt war: Bei ihm konnte man etwas anderes heraushören; Kant etwa, oder den Neo-Kantianer Ernst Cassirer.

Viele Welten

Wie letzterer vertrat Goodman nämlich die Position, dass es viele Welten gibt. Und zwar einfach deshalb, weil es zwar "Wörter ohne Welt" geben kann (also Begriffe, die leer sind und auf nichts verweisen), "aber keine Welt ohne Wörter oder andere Symbole". Denn eine Wahrnehmung ohne Begreifen, so Goodman, ist blind, und "Begreifen" erfolgt nun einmal mit Begriffen. Konkret mit Begriffen oder Symbolen, die auf ganz unterschiedliche Weise zu "Beschreibungssystemen" zusammengefasst werden können. Weshalb es auch immer wieder der Fall ist, dass einmal ein Beschreibungssystem (und damit eine Welt) entsteht, in dem sich die Sonne über den Himmel bewegt, während sie das in einem alternativen System starr als Fixstern im All ruht.

Allerdings war und ist Goodman ein ausgesprochen raffinierter Relativist. Einerseits gesteht er nämlich jederzeit zu, dass bei so schlichten Beispielen wie Bewegungsbeschreibungen der Sonne eine Übersetzung möglich ist (der Eindruck, dass die Sonne über den Himmel zieht, lässt sich ja auch aus einer Physik heraus beschreiben, in der die Sonne ein Fixstern ist). Andererseits verweist er aber auch gerne auf die komplexeren Fälle; beispielsweise auf das Verhältnis eines Gemäldes von van Gogh zur Physik: Hier ist so etwas wie ein Abgleich unmöglich, denn wie soll sich die Welt eines van Goghschen Sonnenblumenfeldes mit all ihren Stimmungen produzierenden Symbolen auf die Welt der Physik reduzieren lassen, deren Symbole ganz andere Größen in den Mittelpunkt rücken?

Goodman interessierte sich dementsprechend vor allem dafür, wie sich Welten bauen lassen. Oder genauer gesagt: Wie aus einer bestehenden, auf Symbolen beruhenden Welt eine neue entwickelt werden kann. Was ihn u.a. zur Aufzählung von Welt-Erzeugungsregeln führte, zu denen z.B. das Prinzip "Komposition/Dekomposition" gehört: Dieses ist etwa dann zur Anwendung gekommen, wenn in ein Sprachsystem das bislang unbekannte Symbol "Baum" eingeführt wurde und folglich ein Landstrich mit dem pflanzenartigen Auswuchs darauf nicht länger als Einheit von Ebene und Auswuchs gesehen wird. Eine eigenständige Größe, eine "Entität", wurde so "komponiert", die die Welt grundlegend verändert.

Symboltheorie

Fragen des Weltenbaus und der Weltendarstellung ließen Goodman aber auch eine eigene Symboltheorie entwickeln; konkret eine, die u.a. dadurch gekennzeichnet ist, dass Symbole nicht nur zum gängigen "Bezeichnen" eingesetzt werden, sondern auch Eigenschaften "exemplifizieren" können: Das Pappmodell exemplifiziert etwa die Form der romanischen Basilika, zu der es ein Modell ist, während das Pissoir, das Marcel Duchamp einstmals in ein Museum stellte, auf jeden Fall seine Form exemplifiziert.

Das ist für das Verständnis von Kunstwerken nicht gerade irrelevant. Es wird damit nämlich klar, dass es keine symbolfreie Kunst geben kann. Denn selbst das völlig abstrakte, vielleicht nur aus einen weißen Screen bestehende Werk wird mithin im Sinne einer Exemplifikation etwas darstellen. Und folglich nicht nur eine Welt produzieren, sondern auch wie ein Symbol und wie eine Darstellung behandelbar sein. Symbol und Kunstwerk gehören damit zusammen, was wiederum den Gedanken zulässt, dass Objekte genau dann Kunstwerke sind, wenn sie als ganz bestimmte Symbole fungieren. Womit Goodman seine berühmte Frage "Wann ist Kunst?" (statt "Was ist Kunst?") beantwortet sah.

Als Nelson Goodman 1998 starb, war er 92 Jahre alt. Am 7. August wäre er 100 geworden. (Christian Eigner/ Langfassung eines Berichts, erschienen in DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Philosophie- Superstar: Nelson Goodman.

Share if you care.