"Silbermarkt" statt Babyboom in Japan

6. August 2006, 20:08
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Japan ist in vielem ein Vorreiter, auch bei der demografischen Entwicklung: Es werden immer weniger Kinder geboren, gleichzeitig werden die Japaner immer älter

Seine dunkelroten Bergschuhe haben Kazuo Yamanaka schon auf viele Gipfel gebracht, im Rucksack trägt er bei der Wanderung im Nikko-Nationalpark Reissandwiches und grünen Tee. Kazuo fragt eine Wanderkollegin aus Europa, wie alt sie ihn schätze. "Mhmm, 60?", fragt sie zögerlich. Die japanischen Freunde kichern. "Kazuo ist doch unser Ältester." Der 82-Jährige nickt und geht dann den Wanderern voraus.

Kazuo und seine Freunde repräsentieren die immer größer werdende Gesellschaftsgruppe in Japan, die den Regierungen zunehmend Sorgen bereitet, weil sie bisherige Statistiken und die Versicherungsmathematik auf den Kopf stellt. Die Männer und Frauen werden im Land des Lächelns so alt wie sonst kaum wo auf dieser Welt. Gleichzeitig werden hier weltweit die wenigsten Babys geboren.

So ist der Anteil an den über 65-Jährigen mit mehr als einem Fünftel am weltweit höchsten - 2050 werden es mehr als ein Drittel sein. Das ist ein Wert, an den nur Italien knapp herankommt.

Hyperalte Gesellschaft

Am anderen Ende der Altersskala stehen die unter 15-Jährigen, die nur mehr 13,6 Prozent der japanischen Bevölkerung ausmachen. "Hyperalte Gesellschaft" prägten die Vereinten Nationen schon vor Jahren als Terminus technicus für ein derartiges Ungleichgewicht zwischen Alt und Jung.

Außerdem hatte man in Japan erst für 2007 erwartet, dass die Bevölkerungszahl schrumpfen würde. Dabei war das bereits 2005 der Fall. Derzeit hat Japan 127,7 Millionen Einwohner. Würde sich der Bevölkerungsrückgang ohne Gegenmaßnahmen fortsetzen, gäbe es schon in 700 Jahren keine Japaner mehr. Längst vorbei sind also jene "Babyboomjahre" 1947 bis 1949 in Japan, in denen man sich jedes Jahr über mehr als zweieinhalb Millionen Neugeborene freuen konnte. Voriges Jahr wurden 1,06 Millionen Japaner geboren.

Japan hält bei einer Geburtenrate von 1,25 Babys je Frau. Zum Vergleich: Während in Irland im Durchschnitt 1,99 und in Frankreich 1,90 Kinder pro Frau und in Schweden 1,71 pro Frau geboren werden, sind es in Slowenien nur 1,22. Österreich liegt mit einer Geburtenrate von 1,42 etwas unter dem EU-Durchschnitt.

Millionen in Pension

Die Babyboomer, die ihr Leben dem Aufstieg Japans zur zweitgrößten Wirtschaftsnation der Welt gewidmet haben, stellen das Land ab dem kommenden Jahr vor ein spezielles Problem: Ab 2007, wenn die meisten von ihnen ihr 60. Lebensjahr erreicht haben, gehen sie in Pension. Das sind mehrere Millionen auf einen Schlag. Viele Arbeitsplätze können dann nicht mehr besetzt werden, weil es keinen Nachwuchs gibt. Die Regierung sucht nach Gegenstrategien und besinnt sich auf die Frauen als Arbeitskräfte. Man will sie animieren, Karriere und Kind zu vereinbaren.

Die Marketingindustrie in Japan hat dagegen schon reagiert und den "Silbermarkt" für sich entdeckt. Denn ein Pensionist bekommt laut Finanzdienst Nikkei eine Abfindung von durchschnittlichumgerechnet 144.000 Euro, was sich in den kommenden Jahren auf 640 Milliarden Euro summiert.

Für Kazuo Yamanaka und seine Wanderkollegen werden sogar Urlaube mit medizinischer Betreuung angeboten. Aber Kazuo plant eine eigene zweitägige Wandertour zu den Fuji-Seen - ohne Hilfe. (Andrea Waldbrunner aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

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    Würde sich der Bevölkerungsrückgang ohne Gegenmaßnahmen fortsetzen, gäbe es schon in 700 Jahren keine Japaner mehr.

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