[dag] Mensch und Divisor

28. August 2006, 19:22
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Menschsein wird immer mathematischer. Gedenkt wer etwas zu veröffentlichen, so versammelt er neuerdings gerne "Multiplikatoren" um sich. Das sind keineswegs Zahlen, sondern echte Menschen, reduziert freilich auf ihre Funktion, ein Produkt mit ihrer Persönlichkeit zu multiplizieren und damit aufzuwerten, also nicht bloß Meinungsträger, sondern Interessenvervielfältiger zu sein. Beispiel: Sie malen ein Bild, das keiner beachtet. Da hält es der Bundespräsident bei der Neujahrsansprache in die Kamera und sagt: "Dieses Bild erspart mir Worte." - Siehe da: Alle wollen es besitzen. (Präsidenten sind grandiose Multiplikatoren.)

Weiter verbreitet und von Künstlern gefürchtet sind allerdings Menschen, die ein Werk wertminimieren, indem sie sich lobend darüber äußern. Sie sind negative Multiplikatoren, also Divisoren sozusagen. Oder Dividenden? Nein, Dividenden sind Personen, denen das Werk an sich gefallen würde, wären da nicht andere, konkurrenzierende Dividenden, denen es ebenfalls gefallen würde, wären da nicht weitere Dividenden (...). Sicherheitshalber gefällt es also keinem.

Da "Dividend" noch kein Beruf ist, streben diese Leute Jobs als Kulturkritiker an. (Daniel Glattauer/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

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