Ungeheuer auf der Spur der Passfälscher

11. August 2006, 14:48
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Kurzparkschein bis Wertpapier: Gefälscht wird fast jedes Doku­ment - Vier Mitarbeiter im Bundeskriminalamt versuchen den Fälschern auf die Spur zu kommen

Ein Ungeheuer hilft der Exekutive dabei, gefälschten Dokumenten auf die Spur zu kommen. Ein sprichwörtliches Ungeheuer mit vielen Augen, lautet das Akronym für das "Ausgleichsmaßnahmen-, Routen-, Grenzkontroll- und Urkundeninformations-System" des Innenministeriums doch ARGUS. Der Hort des Riesen aus der griechischen Mythologie: der Fachbereich 6.3.2 im heimischen Bundeskriminalamt, die Abteilung für Urkunden- und Handschriftenuntersuchung.

Hier werden Pässe aus praktisch jedem Staat der Erde, Führerscheine, Zulassungspapiere und sonstige amtliche Schriftstücke ins behördliche Intranet gestellt, wo sie die heimischen Polizisten unter ARGUS abrufen können. Samt Hinweisen, an welchen Details man ohne besondere technische Hilfsmittel Echte von Falschen unterscheiden kann, wie Johann Fuchsluger, Leiter des Bereichs, erklärt.

Auf diesem Gebiet gehört Österreich zu den führenden Polizeibehörden in Europa, werden doch schon seit über 25 Jahren Originaldokumente aus der ganzen Welt gesammelt. In den Regalen finden sich dann Aktenordner mit sämtlichen gültigen Reisedokumenten vom Not- bis zum Diplomatenpass aus solch exotischen Ländern wie dem Himalaya-Königreich Bhutan oder der demokratischen Volksrepublik Nordkorea. Die Beschaffung ist oft mühsam, müssen die offiziellen Stellen des ausstellenden Staates doch bereit sein, Muster zur Verfügung zu stellen.

Enzyklopädien helfen

"Jetzt haben natürlich zum Beispiel die Behörden in Afghanistan oder dem Irak Wichtigeres zu tun, als Österreich Musterdokumente zu schicken"; gesteht Franz Nosko, einer der vier Mitarbeiter der Abteilung ein. In solchen Fällen müssen dann Enzyklopädien und das Internet helfen. Afghanistan etwa hat seit Ende der 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts mittlerweile schon das achte Staatswappen, das auf amtlichen Urkunden verwendet wird. Diese Wappen haben sich die Mitarbeiter zusammengesucht und katalogisiert - so hofft man besonders plumpen Fälschungen auf die Spur zu kommen.

An die 13.000 Originaldokumente lagern mittlerweile in den Archiven des Bundeskriminalamtes, dazu kommen noch Fälschungen. Gesammelt werden aber auch andere Proben - etwa Schriftbilder von Schreibmaschinen, Druckern oder Kopierern. Die Polizeikollegen in Bayern wiederum haben sich auf Kugelschreibertinte spezialisiert: Von jeder in den Handel kommenden Charge gibt es dort Tintenproben. So kann exakt bestimmt werden, ob das Testament nicht doch erst nach dem Tod des Erblassers verfasst worden ist.

Problem Führerschein

Gefälscht werden nicht nur Reisedokumente, wenn diese im Zuge von Schlepperei und Migration mittlerweile auch den Löwenanteil der Arbeit ausmachen. "Vor dem Fall des Eisernen Vorhanges hatten wir 30 bis 40 Exemplare im Jahr", erinnert sich Nosko. "Mittlerweile sind es täglich so viele." Besonders ein Dorn im Auge sind ihm gefälschte ausländische Führerscheine. "Die lassen sich relativ leicht umschreiben und damit hat der Betreffende dann einen gültigen Ausweis", meint er.

Daneben gibt es noch andere Schriftstücke, die kriminaltechnisch mit Mikroskopen, diversen Lichtquellen und anderen Mitteln analysiert werden. Vom Kurzparkschein im Wert von 1,20 Euro, den ein Mann zwei Jahre lang nutzte und dennoch beteuerte, er sei nicht manipuliert, bis hin zu nachgemachten Wertpapieren, die (damals) fünf Milliarden Schilling gebracht hätten.

Der technische Fortschritt wird von den Experten mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits haben Scanner und Kopierer den Fälschern die Arbeit erleichtert, andererseits wurden die Dokumente immer besser geschützt. Fälschungssicherheit wird es aber nie geben, ist Nosko überzeugt: "Alles, was von Menschenhand geschaffen wurde, kann von Menschen auch nachvollzogen werden." (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 07.08.2006)

  • Auch Originaldokumente vom Dach der Welt, dem Königreich Bhutan im Himalaya, finden sich unter den 13.000 amtlichen Schriftstücken, die im Archiv lagern.

    Auch Originaldokumente vom Dach der Welt, dem Königreich Bhutan im Himalaya, finden sich unter den 13.000 amtlichen Schriftstücken, die im Archiv lagern.

  • Das Leuchten unter dem UV-Licht ist echt, der portugiesische Reisepass als Ganzes dennoch nicht, haben die Ermittlungen ergeben.
    foto: andy urban

    Das Leuchten unter dem UV-Licht ist echt, der portugiesische Reisepass als Ganzes dennoch nicht, haben die Ermittlungen ergeben.

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