"Der rote Kakadu": Exzess und Kampfgeist

7. August 2006, 12:47
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Jugend und Revolte in der DDR: Dominik Grafs "Der rote Kakadu" umschifft die Klischees der Ostalgie, bleibt aber letztlich doch recht konventionelles Zeitgeschichte-Kino

Wien - Ein Schattentanz unter freiem Himmel: Junge Menschen ergehen sich in seltsamen Bewegungen, endlich bringt einer die Musik dazu. Dem mobilen DJ folgt die Exekutive auf dem Fuß, die illegale Zusammenkunft endet mit Prügeln und Verfolgungsjagd: Rock 'n' Roll hat im Arbeiter- und Bauernstaat ein schlechtes Standing. Dem jugendlichen Helden hat er immerhin die erste Liebe zugeführt.

Der deutsche Spielfilm Der rote Kakadu erzählt eine Coming-of-Age-Geschichte vor zeitgeschichtlichem Hintergrund. Dieser erzeugt sozusagen klassischen Suspense: Anders als die Figuren wissen wir, wie die Pläne der Staatsführung in ihre Leben eingreifen werden und dass mit dem Bau der Berliner Mauer schließlich ein Lebensabschnitt zu Ende geht.

Von April bis August 1961 begleitet der Film seinen Helden Siggi (Max Riemelt). Der ist vom Land nach Dresden gezogen, wohnt bei seiner Tante, arbeitet in der Theaterwerkstatt, hofft auf eine Empfehlung zum Bühnenbild-Studium. Beim Herumstreifen in städtischen Parks gerät er in die Subkultur der Rock'n'Roll-Fans. Die mondäne Kellerbar im Parkhotel, die dem Film den Titel gibt, ist ihr Treffpunkt. Dort kulminiert Siggis Initiation in kleinen trunkenen Exzessen, die er sich mit der Veräußerung von Porzellanfigürchen im Westteil Berlins finanziert.

Luise (Jessica Schwarz), die Angebetete, die überdies verheiratet ist, schreibt Gedichte, zur Veröffentlichung wurden sie nicht freigegeben. Dass sie im Gegensatz zu Siggi trotzdem an die DDR glaubt, hat sie ihm gleich beim zweiten Treffen klar gemacht (ebenso klar vermittelt die Perspektive des Films, der immer schon mehr weiß als seine Protagonisten, dass sie damit einem historischen Irrtum aufsitzt).

Der rote Kakadu erzählt also im Kern von den jungen Leuten und ihren harmlosen Bedürfnissen, denen aus der Sicht der Kader und der Staatssicherheit staatsfeindliche Zersetzungskraft innewohnt. Diese Autoritäten treten zum einen in Gestalt eines Popanz auf, der den entfesselten Westmodetänzen eine ideologisch konforme Bewegungsfolge entgegensetzen will. Weil der Film dann doch keine Ostalgiekomödie ist, bleibt es jedoch nicht bei solchen vergleichsweise folgenlosen Machtdemonstrationen. Die tatsächliche Bedrohung formiert sich vielmehr in Andeutungen. Aufnahmen aus der Distanz, bei denen der, der sie macht, unkenntlich bleibt, verweisen bald auf allgegenwärtige Spitzel und drohende Konsequenzen.

Die Genretendenz zum Paranoiathriller, den man auf dieser Basis auch erzählen könnte, bleibt allerdings im Hintergrund - immer überlagert vom Spiel mit Zeitkolorit aus Mode, Alltagsgegenständen, Spreewaldgurken. So wirkt der Film insgesamt unentschlossen, entfernt sich nicht weit von den Konventionen fiktionaler Geschichtsaufarbeitung, die Film und Fernsehen in den letzten Jahren vorexerzieren und die wenig Platz lassen für Zwischentöne.

Am Ende bleibt vor allem die Geschichte von einem übrig, der sich anfangs von allem mitreißen lässt, bis sich dieser naive Zugang in oppositionellen Kampfgeist wandelt. Siggi nimmt sein Leben in die Hand - ein Pop-Art-Porträt von Luise und die Erinnerung an sie werden die Zeit überdauern. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

  • Jugendlicher Exzess kippt um in politische Opposition: Max Riemelt und Jessica Schwarz in
Dominik Grafs DDR-Drama "Der rote Kakadu".
    foto: filmladen

    Jugendlicher Exzess kippt um in politische Opposition: Max Riemelt und Jessica Schwarz in Dominik Grafs DDR-Drama "Der rote Kakadu".

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