Willkommen in der Bernhard-Falle

20. Juli 2007, 16:44
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"Husten - Eine Komödie": Kabarettist und Schauspieler Josef Hader wagte im Republic eine Erstlesung seines neuen Stücks; das Publikum reagierte erwartungsgemäß begeistert

Möglicherweise hat man den Künstler aber auch nur zu Tode belacht.


Salzburg - Was tut man, wenn man eigentlich keine Zeit hat, ein Theaterstück zu schreiben? Ganz einfach: Man kündigt im Spielplan der Salzburger Festspiele die Erstlesung eines Theaterstücks, einer Komödie, an, samt Inhaltsangabe, die man Monate später nur bedingt einlösen kann. Schließlich reißt man sich drei, vier Wochen aus dem übervollen Terminplan. Man schreibt drauflos, trotz aller Selbstzweifel. Und in Interviews sagt man Sachen wie, dass man "den Druck braucht" und: "Wenn's ein gutes Stück ist, dann ergibt sich aus der Natur der Sache, dass es als Lesung nicht so gut kommt."

Tut man das? Soll man das tun? An einem regnerischen Samstagabend sitzt Josef Hader auf der Bühne des Republic und liest Husten. In der Ankündigung ohne Titel war das noch der Monolog eines alten Mannes, der schimpfend, hustend und Milchreis essend das Bett nicht verlässt. Jetzt ist es - über weite Strecken - der Dialog eines nicht mehr ganz so alten, immer noch schimpfenden, hustenden, Milchreis essenden Frühpensionisten mit einer jungen Studentin.

Der Frühpensionist heißt Thomas. Bei Thomas Bernhard hätte er vielleicht an Brandteigkrapfen gewürgt. Die Studentin hingegen, Sarah, mit den Malen eines Selbstmordversuchs im Handgelenk - sie hätte bei Bernhard vielleicht etwas stummer die Suaden ihres monströsen Gegenübers über sich ergehen lassen. Ganz sicher hätte sie auch nicht mitverfolgen müssen, wie dieses Gegenüber relativ unvermittelt zu onanieren beginnt. Jedenfalls lässt sie den ihre Narben verhöhnenden, jeden Briefträger und jede Sperrholzplatte für wehleidige Monologe nützenden Thomas am Ende allein zurück.

Aber was heißt schon allein: Im Nebenzimmer macht sich jetzt ein Installateur zu schaffen, dämonisch aktiv, als wär's ein Diener bei Nestroy. Das kann man dann so lesen: Endlich kommen die Reperaturarbeiten am fatalen austrodramatischen Innenleben langsam in Gang. Endlich wagt jemand den Schritt ins Freie. Oder: Morgen geht die ganze Chose wieder von vorne los.

Als Lesung kommt das fantastisch. Egal, ob Hader über Selbstmörder liest, die sich im Sprung selbst überraschen, oder über die relative Bedeutungslosigkeit der Frage, ob sein Thomas ein frustrierter Schriftsteller oder ein einst traurig verliebter Fleischhauer war: Das Publikum lacht. Aber mittlerweile gibt es wohl kaum noch etwas, was Hader sagen, lesen, spielen könnte, ohne belacht zu werden.

Die neue Enge

Dies trifft aber noch gar nicht unbedingt den Punkt des Unbehagens, welches sich im Laufe eines mit knapp 80 Minuten Dauer erfreulich ökonomischen Abends einschleicht. Josef Hader vermochte schon in Indien (damals gemeinsam mit Alfred Dorfer) verzweifelte Existenzen bis an den Rand des Grauens zu porträtieren. Er strapazierte schon in Privat und in Hader muss weg eine existenzielle Hilflosigkeit bis hin zu gewaltigen Monologen und Dialogen, deren Trauer und Wut vom Lachen, das sie auslösten, kaum jemals denunziert wurden. Insofern ist Husten keinesfalls sein "erstes Theaterstück". Josef Hader, er war schon Im Keller ein wahrer (Un-)Weltdramatiker.

Jetzt jedoch, in der Thomas-Bernhard-Falle gewissermaßen? Man wird das Gefühl nicht los, dass Hader gerade hier, wo er sich die Stadttheaterbühne herbei schreibt, einer ungewohnt pragmatischen Enge zum Opfer fällt, die ungleich lähmender ist als die Beschränktheit der so genannten Kleinkunstbühnen.

Im Kabarett kann er seine Dramen, die von seiner Stimme, seinem Körper, seinem permanenten Kampf gegen die heitere Konvention leben, bis zum Wahnwitz weiterspinnen. Aber hier, wo er irgendwann einmal Text an Schauspieler und Regisseure abtreten will, wirkt dies wie, ja doch, epigonaler Abklatsch.

Aber vielleicht wird an diesem Husten ja weitergearbeitet. Wenn nicht: Alle haben sehr gelacht. Im Publikum saß ganz vorverhandlungsfreudig der neue Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger. Ein Bombenerfolg. Was tut man da? (Claus Philipp/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

  • "Umso mehr muss man im Bett bleiben." – Josef Hader bei der Lesung seines Stücks "Husten" im Salzburger Republic.
    fotos: festspiele/udo leitner, montage: karl lux

    "Umso mehr muss man im Bett bleiben." – Josef Hader bei der Lesung seines Stücks "Husten" im Salzburger Republic.

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