Wo Opernwände wackeln

20. Juli 2007, 16:44
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Die Wiederaufnahme von Herheims aufwühlender "Entführung aus dem Serail"

Salzburg - In der an Bravheit nicht armen Ruzicka-Ära gab es anfangs auch richtigen Regiewahnsinn. Da hatte der Intendant das Ende des Operndekonstruktivismus verkündet. Doch, als wollte er sich selbst widersprechen, brachte er mit seiner ersten Premiere das Publikum in guter alter Mortier-Manier zum Toben.

Regisseur Stefan Herheim räumte bei Mozarts Entführung alles Orientalische beiseite, kam nur zum Abholen des Protestes als Bassa Selim verkleidet auf die Bühne. Bei den Folgevorstellungen ging es schon mittendrin zur Protestsache - die Sänger waren gezwungen, sich ans Auditorium zu wenden. Mit der Bitte um Ruhe, damit weitergespielt werden konnte. Herheim wird nun bei der Wiederaufnahme nicht nur, aber auch ausgebuht. Aber es hat sich etwas geändert. Die Produktion war heuer als erste ausverkauft. Und wiewohl die Oper nach wie vor geneigt ist, zu verwirren, ist auch Euphorie im Rezeptionsspiel.

Der Serail ist hier nach wie vor ein Spukort, der keine Sicherheit bietet. Das Prinzip "jeder mit jedem" wird um ein "jeder ist fast jeder" ergänzt. Dabei: Bassa Selim ist einerseits gar nicht da, dafür aber in jeder Figur existent - als Über-Ich-Figur. Auf der anderen Seite eine echte Figurenvermehrung: Unzählige Hochzeitspaare bevölkern die Bühne, um die Fantasien, Ängste und Wünsche der Protagonisten bezüglich Geschlechterrollen und Beziehungen zu vervielfachen. Da ist viel Gewalt zugegen, und sexueller Appetit kennt keine Geschlechtergrenzen. Auch Raum und Zeit spielen keine Rolle. Kaum ist ein Pärchen verheiratet, krabbeln schon Kinder durchs Wohnzimmer. Es sind Szenen vieler Ehen, beginnend mit Adam und Eva, die hier vorgeführt werden.

Vokale Probleme

Entlang der Geschichte hat Herheim seine eigene hinein gedichtet, in der Emotionen mit voller Wucht aneinander krachen. Arien werden dabei zu utopischen Momenten von Trauer und Sehnsucht. Sie erlangen etwas Unwirkliches, wirken wie kleine Gefühlskäfige - zu groß allerdings für die aktuelle Besetzung. Franz Hawlata (als Osmin auch Geistlicher und Mephisto) ist stark präsent, hat aber mit tiefen Tönen seine Not. Valentina Farcas (als Blonde) hat für die Partie eine zu leichtgewichtige Stimme, und Laura Aikin (als Konstanze) neigt zu dramatischer Schärfe (fängt sich aber). Charles Castronovo (als Belmonte) agiert klangschön, hat aber bei Koloraturen Probleme. Nur Dietmar Kerschbaum (als Pedrillo) überzeugt.

Dass die Geschichte spannend und leichtfüßig bleibt, ist ihrer Straffungen und dem dem Mozarteum Orchester unter Ivor Bolton zu danken. Alles wirkt durchgearbeitet, transparent, ist voller zupackender Diktion, und doch so vielschichtig, dass Poesie möglich bleibt. (Ljubiaa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 7.8.2006)

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    Franz Hawlata als "Osmin" und Valentina Farcas als "Blonde"

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