"Ich bin ein Nischenspringer"

6. August 2006, 18:58
36 Postings

Steigende Lohnkosten in Österreich, gleich bleibender Preis für die Ware. Berufs­bekleidungsschneider Erich Bilek suchte einen Ausweg und fand ihn in Ungarn

Wien - Wenn man das kleine Geschäft auf der Wiener Invalidenstraße 13 betritt, überrascht den Kunden zuerst ein schriller Klingelton. Und dann fühlt man sich in die 60er-Jahre versetzt. Klein, dunkel ist der Laden. Die Waren - Schuluniformen und Arbeitskittel - sind fein säuberlich in Holzregalen hinter der Theke geschlichtet.

Doch der Eindruck von wenig Modernität täuscht. Erich Bilek, der das Unternehmen Josef Bauer Berufsbekleidung seit 1972 führt, ist alles andere als verstaubt. Auf den scharfen Wettbewerb asiatischer Billigproduktionen hat er schon früh mit einer Globalisierung in kleinen Dimensionen reagiert und das Zuschneiden und Nähen seiner Produkte in ein eigenes Unternehmen in Ungarn ausgelagert.

Besuch bei den Nachbarn

Noch vor zehn Jahren werkten im Hinterzimmer des Geschäftslokals rund fünf Arbeiterinnen. "Aber ich wusste, so können wir nicht weitermachen", sagt Bilek. "Die Lohnkosten steigen und der Preis für die Ware bleibt gleich. So weitermachen, hätte geheißen, die Firma an die Wand zu fahren." Also recherchierte er an Wochenenden, besuchte Tschechien, die Slowakei, Ungarn und sondierte, wo er mit seiner Fertigung hingehen würde. Schließlich entschied er sich - auch aufgrund persönlicher Beziehungen - für das kleine Städtchen Albertirsa, 60 Kilometer von Budapest entfernt. Dort wurde Grund gekauft und eine Fabrik samt Wohnhaus gebaut. Die Investitionen beziffert Bilek mit rund 100.000 Euro.

Seit neun Jahren fertigen dort bis zu zehn Mitarbeiter die Schuluniformen für Privatschulen wie Sacré Coeur oder nähen Arbeitsbekleidung. Der Wiener Brötchen-Hersteller Trzesniewski kleidet seine Mitarbeiter in dort hergestellten Bilek-Dressen ein. Die Anzüge der Aufseher im Wiener Museum Leopold sind ebenfalls von der Firma Bauer.

Günstigere Lohnkosten

Bileks Lebensgefährtin, eine Ungarin, managt das Werk in Albertirsa. Über Telefonate werden auf schnellem Wege Aufträge weitergegeben. Am Wochenende fährt Bilek runter, bringt Stoffe, Schnittmuster oder Skizzen mit und fährt am Montag voll beladen mit fertiger Ware zurück.

Die Lohnkosten seien, sagt er, locker etwa zwei Drittel günstiger. Während in Ungarn der Mindestlohn 64.000 Forint brutto (rund 232 Euro) ausmacht, zahlt Bilek zwischen 80.000 und 100.000 Forint, netto. Und die Qualität ist top. "Nichts muss so viel aushalten wie Schuluniformen. Das muss hinhauen", sagt er.

Wegen der hohen Qualitätstandards hat sich mittlerweile eine neue, lukrative Nische aufgetan, die Bilek Expansionspläne wälzen lässt. Vermehrt beauftragen ihn Objektausstatter wie die Firma Backhausen mit dem Nähen von Vorhängen, etwa für Hotels. Bilek: "Mit Schuluniformen kann man nicht groß wachsen in Wien." Das Werk in Ungarn soll deshalb vergrößert werden, Platz ist genug.

Nicht weiter ostwärts

Weiter ostwärts will Bilek nicht gehen. "Ich habe mir einmal Rumänien angesehen. Aber das ist zu weit, lässt sich mit dem Auto nicht so schnell erreichen." Und in der Nische, in der er sich behauptet, gehe es um hohe Nähqualität bei zumeist mittelgroßen Stückzahlen. Auch hat er einen Horror davor, die vielen bürokratischen Hürden, an die er sich in Ungarn, damals als noch nicht EU-Land, erinnert, nochmals durchmachen zu müssen. Außerdem: "Ein kluger Mann hat einmal gesagt: Mache kein Geschäft auf, das du nicht in drei Stunden erreichen kannst", sagt Bilek, "sei es mit dem Flugzeug oder sei's mit dem Auto." Nach Albertirsa sind es gerade einmal dreieinhalb Stunden. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.7.2006)

Lesen Sie am Dienstag: Standortmix bei Zumtobel

  • Schnittmuster sind das Um und Auf beim Schneidern. Hierbei legt deshalb Bilek noch immer selbst Hand an. Faden und Nadeln für kleine Nacharbeiten verleihen dem Josef Bauer Bekleidungshaus handwerkliches Flair.
    foto: standard/fischer

    Schnittmuster sind das Um und Auf beim Schneidern. Hierbei legt deshalb Bilek noch immer selbst Hand an. Faden und Nadeln für kleine Nacharbeiten verleihen dem Josef Bauer Bekleidungshaus handwerkliches Flair.

  • Schuluniformen und Berufsbekleidung müssen mehr aushalten als anderes Gewand, weiß Erich Bilek. Sollen die Kunden nicht ausbleiben, muss die Ware von entsprechend strapazfähiger Qualität sein.
    foto: standard/fischer

    Schuluniformen und Berufsbekleidung müssen mehr aushalten als anderes Gewand, weiß Erich Bilek. Sollen die Kunden nicht ausbleiben, muss die Ware von entsprechend strapazfähiger Qualität sein.

  • Faden und Nadeln für kleine Nacharbeiten verleihen dem Josef Bauer Bekleidungshaus handwerkliches Flair.

Die Bekleidungsindustrie in Europa hat der großflächigen Abwanderung nach Asien kaum etwas entgegenhalten können. - Und auch ganz kleine Firmen haben in den vergangenen Jahren über die Grenzen auslagern müssen.
    foto: standard/fischer

    Faden und Nadeln für kleine Nacharbeiten verleihen dem Josef Bauer Bekleidungshaus handwerkliches Flair. Die Bekleidungsindustrie in Europa hat der großflächigen Abwanderung nach Asien kaum etwas entgegenhalten können. - Und auch ganz kleine Firmen haben in den vergangenen Jahren über die Grenzen auslagern müssen.

  • Die Scheren sind noch ein Relikt aus der Zeit, als im Josef Bauer Bekleidungshaus selbst geschneidert wurde.
    foto: standard/fischer

    Die Scheren sind noch ein Relikt aus der Zeit, als im Josef Bauer Bekleidungshaus selbst geschneidert wurde.

Share if you care.