Den Krieg schreiben

17. August 2006, 14:41
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Der israelische Autor Abraham B. Jehoschua im STANDARD-Interview über Schreiben im Krieg, Meinungsfreiheit, das Leben in Haifa und seinen neuen Roman

Seit dem 13. Juli greift die Hisbollah-Miliz Haifa, mit 270.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Israels, mit Raketen an. In dieser Stadt lebt auch der 69-jährige Abraham B. Jehoschua, der als einer der renommiertesten Schriftsteller Israels gilt. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch Romane wie Die befreite Braut, Die Manis und Der Liebhaber (alle Piper Verlag) bekannt. Sein neuer Roman, Die Passion des Personalbeauftragten, über das Opfer eines Terroranschlags in Jerusalem erscheint im September bei Piper.




STANDARD: Wie ist die Stimmung in Haifa?

Abraham B. Jehoschua: Die Lage hat sich normalisiert. Die Straßen sind nicht mehr menschenleer, mein Postamt und meine Bankfiliale sind wieder offen. Gestern saßen wir vor dem Café "Tibi", fast alle Tische waren besetzt.

STANDARD: Die Hotelgäste in Haifa sind zurzeit vor allem ausländische Korrespondenten.

Jehoschua: Die Touristen haben Haifa verlassen. Aber die Notstandssituation ist relativ, denn wir sind Krieg gewöhnt. Wir haben die Scud-Raketen im Golfkrieg erlebt und die palästinensischen Selbstmordanschläge, die viel verheerender waren als die Raketen. Es herrscht zwar Angst, aber die Gefahr, getroffen zu werden, ist letztlich sehr gering.

STANDARD: Sind Sie in den Luftschutzkeller gegangen?

Jehoschua: Nein, wir haben wie viele Israelis einen eigenen Schutzraum in der Wohnung - mit dickeren Betonwänden, die laut Vorschriften völlig ausreichen. Man darf die Gefahr nicht überschätzen. Auch wenn eine Rakete in ein Gebäude einschlägt, bedeutet dies nicht automatisch den Tod der Bewohner.

Die Hisbollah hat 1900 Raketen auf Israel abgefeuert und tötete dabei 20 Zivilisten, die Libanesen dagegen zahlen einen Preis, der um ein Vielfaches höher ist.

STANDARD: Können Sie schreiben, wenn Bomben fallen?

Jehoschua: Ich arbeite weiter, natürlich öfter vor dem Fernseher. Die meisten Patienten meiner Frau, einer Psychologin, sagten die Beratungstermine ab. Ich versuche zu schreiben und bin im letzten Drittel eines Romans, in dem die Charaktere weder von der Hisbollah noch von deren Chef Nasrallah gehört haben. Diese Figuren fordern von mir, mich weiterhin mit ihnen zu beschäftigen. Ich höre eher ihnen als den Politikern im Fernsehen zu.

STANDARD: Worum geht es in Ihrem neuen Roman?

Jehoschua: Er heißt Freundliches Feuer und beschreibt die einwöchige Trennung eines Ehepaars um die sechzig. Die Frau fährt für eine Woche nach Afrika, um dem Ehemann ihrer verstorbenen Schwester Gesellschaft zu leisten. Auf diese Weise verarbeitet sie die Trauer um den Tod ihrer Schwester. Das Buch beschreibt in schneller Abwechslung den Alltag des Mannes, der weiterhin arbeitet, und den seiner Frau.

STANDARD: Rund eine Million Israelis leben im von Raketen bedrohten Norden des Landes. Viele haben einen vorläufigen Schutz bei Verwandten und Freunden in sicheren Landesteilen gefunden. Wie bewerten Sie dieses Verhalten? Sie haben einmal geschrieben, die Juden würden die Welt als eine Hotelkette betrachten.

Jehoschua: Auf keinen Fall kann man das mit dem "wandernden Juden" in der Diaspora vergleichen. Dass Israelis aus dem Norden des Landes einschließlich Haifa fliehen, ist ganz normal.

Viele haben kleine Kinder und keine Schutzräume. Ich verstehe, dass sie für ein, zwei Wochen zu ihren Verwandten ziehen. Das ist ihr Recht und mit dem "wandernden Juden" nicht zu vergleichen. Übrigens, auch die palästinensischen Flüchtlinge wurden 1948 nicht vertrieben, sondern flohen aus ihren Dörfern.

Wenn Sie sehen, wie schnell Menschen ihre Häuser verlassen - nicht auf der Flucht vor einer Invasion, sondern wegen einer Rakete -, dann versteht man, dass die allermeisten Palästinenser damals geflohen sind.

STANDARD: Die 56 Libanesen in der Kleinstadt Kana, die meisten von ihnen Frauen und Kinder, die beim israelischen Luftangriff getötet wurden, wollten oder konnten ihr Haus nicht verlassen, obwohl die israelische Armee alle Südlibanesen dazu aufgerufen hatte. (--> Anm. der Red.: zum Fall Kana, siehe Hinweis unter dem Artikel)

Jehoschua: Der Vorfall war tragisch und traurig. Unsere Armee hätte vorsichtiger operieren sollen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass alle Raketen der Hisbollah ausschließlich auf israelische Zivilisten abgefeuert wurden.

STANDARD: Sie leben seit 1967 in Haifa. Denken Sie in diesen Tagen daran, die Stadt eine Zeit lang zu verlassen?

Jehoschua: Wir haben eine Wohnung in der Stadt Ramat Gan bei Tel Aviv, die unseren Enkelkindern gehört. Wir sind gerade auf dem Weg dorthin und werden das Wochenende in Ramat Gan verbringen.

Am Sonntagmorgen kehren wir zurück. Die Kinder möchten, dass wir bei ihnen bleiben und sind sauer auf uns, weil wir wieder zurückgehen. Aber wir bleiben erst mal in Haifa, weil ich altmodisch bin und Solidarität mit den Menschen empfinde, die Haifa nicht verlassen können. Am nächsten Wochenende fahren wir dann wieder nach Ramat Gan.

STANDARD: Fürchten Sie, dass Israel in einen neuen LibanonKrieg hineinrutscht?

Jehoschua: Ich glaube nicht, dass wir in einen neuen Libanon-Krieg hineinrutschen, weil wir aus der Erfahrung lernen. Fast kein israelischer Soldat hat die libanesische Grenze überquert. Daher vermeidet Israel Bodenoperationen und beschränkt sich auf Luftwaffe und Marine.

STANDARD: In den letzten Tagen meldeten sich zum ersten Mal israelische Literaten zu Wort. Dutzende junge Schriftsteller, Dichter und Kritiker fordern ein sofortiges Ende des Krieges, der "mehr Zivilisten als Terroristen trifft und nichts als Chaos, Zerstörung und die Befriedigung der Rachegefühle erreicht. Der Krieg führt zu einer Radikalisierung der gemäßigten arabischen Kräfte und stärkt die Extremisten." Wie stehen Sie zu diesem Protestschreiben?

Jehoschua: Es gibt auch viele israelische Schriftsteller, die den Krieg unterstützen. Außerdem haben diese Kritiker zwei Wochen gewartet, bevor sie sich äußerten.

Die Meinungsfreiheit schwächt unsere Position im Krieg nicht, sondern ist ein Beweis dafür, wie stark die israelische Gesellschaft ist. Jeder soll seine Meinung frei äußern, auch wenn sie mir nicht gefällt. (Igal Avidan/ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)

Hinweis: Das Interview wurde schon vor der Relativierung der Opferzahlen im Ort Kana geführt.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat eine Woche nach dem israelischen Luftangriff auf Kana (Qana) die Opferzahlen korrigiert. Die Angriffe haben 28 , nicht wie ursprünglich angenommen 54, Menschen das Leben gekostet. Die ursprünglich Zahl gehe auf eine Liste mit Namen von 63 Menschen zurück, die im Keller des Gebäudes Schutz gesucht hatten, teilte die Organisation mit. Rettungskräfte hätten dort neun Überlebende ausgemacht, so dass die Zahl 54 zu Stande gekommen sei. (red)

Zur Person
Igal Avidan (der Interviewer) lebt in Berlin. Er ist Deutschland-Korrespondent des Nachrichtenmagazins "Jerusalem Report" sowie Israel-Experte für deutsche Medien.
  • Abraham B. Jehoschua: "Die Passion des Personalbeauftragten". Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Titel der Originalausgabe: "Schlichuto schel hamemuneh al masch'abeh enosch". € 20,40/336 Seiten.
Piper, München 2006. (Der Roman erscheint im September).
Zum Inhalt
Julia Ragajew heißt die junge Aushilfsputzfrau, die in Jehoschuas neuem 
Roman "Die Passion des Personalbeauftragten" bei einem Terroranschlag in Jerusalem getötet wird. Ein Personalbeauftragter, der sich zu wenig um die Frau kümmerte, plagt das schlechte Gewissen. Die Rekonstruktion des Lebens der Verstorbenen gerät ihm zur Obsession.
    buchcover: piper

    Abraham B. Jehoschua:
    "Die Passion des Personalbeauftragten".
    Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Titel der Originalausgabe: "Schlichuto schel hamemuneh al masch'abeh enosch". € 20,40/336 Seiten.
    Piper, München 2006. (Der Roman erscheint im September).

    Zum Inhalt
    Julia Ragajew heißt die junge Aushilfsputzfrau, die in Jehoschuas neuem Roman "Die Passion des Personalbeauftragten" bei einem Terroranschlag in Jerusalem getötet wird. Ein Personalbeauftragter, der sich zu wenig um die Frau kümmerte, plagt das schlechte Gewissen. Die Rekonstruktion des Lebens der Verstorbenen gerät ihm zur Obsession.

  • Der israelische Autor Abraham B. Jehoschua
    foto: standard/andy urban

    Der israelische Autor Abraham B. Jehoschua

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