War Wolferl ein Milchbube?

21. August 2006, 12:14
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Ihre Fragen zu W.A.M. - Kurt Palm antwortet

Peter Sandbichler fragt, ob Mozart gerne Milch getrunken hat.

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Einen Tag nach der Geburt seines ersten Kindes, des "dicken fetten und lieben Büberls" Raimund Leopold, schrieb Mozart am 18. Juni 1783 an seinen Vater, dass er wegen des gefürchteten "Milchfiebers" vehement gegen das Stillen des Säuglings sei und das Kind lieber "bey Wasser" aufziehen wolle. Als Begründung führte Mozart an, dass er und seine Schwester als Säuglinge ja auch keine Milch, sondern nur Wasser bekommen hätten. Diese Behauptung Mozarts kann natürlich nicht stimmen, denn wären er und Nannerl tatsächlich nur mit Wasser aufgezogen worden, wären sie binnen kürzester Zeit gestorben. Außerdem stellte Mozart in seinem Brief ja selbst fest, dass "hier die meisten kinder beym Wasser darauf gehen". Die hohe Kindersterblichkeitsrate von 60 Prozent war aber nicht nur auf falsche Ernährung, sondern generell auf mangelnde Hygiene zurückzuführen. Trotz der Tatsache, dass Raimund Leopold schließlich doch von einer Amme gesäugt wurde, starb er bereits im Alter von zwei Monaten an "Gedärmfrais".

Als sicher gilt, dass Wolfgang und Nannerl neben Gersten- und Haferschleim auch Milch bekommen haben, auch wenn nicht bekannt ist, ob sie von ihrer Mutter oder einer Amme gestillt wurden. Übrigens wusste man in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts längst, dass ein mit Muttermilch gestilltes Kind eine wesentlich höhere Lebenserwartung hatte als eines, das mit Kuh-, Schafs- oder Ziegenmilch aufgezogen wurde. Abgesehen von einer gewissen Aversion gegen das Stillen, scheint Mozart keine generelle Abneigung gegen Milch gehabt zu haben. Wenn er Gerichte wie Milchrahmsuppe, Brotsuppe mit Milch oder "milch mit lemonie" erwähnt, geschieht das ohne negativen Beigeschmack. Und bei der von ihm in der "Staigerischen Caffetterie" in Salzburg beanstandeten "Mandl=milch ohne mandeln" handelte es sich ja nicht um ein Milchgetränk, sondern um ein Getränk, das aufgrund seiner Konsistenz lediglich wie Milch aussah. Da in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Milchkaffee in Mode kam, ist es durchaus möglich, dass auch Mozart seinen "Coffé" bereits mit Milch trank. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)

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