Maria Theresia, Dein Reich komme

20. Juli 2007, 16:43
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Arkadien als Menschen-Klon-Labor: Mozarts frühe Oper "Ascanio in Alba" gerät unter der Regie von David Hermann zur plumpen Polit-Erziehung

Salzburg - Ascanio wird in einem Leichensack dahergeschleppt. Venus, mit blutroten Fingernägeln zieht den Reißverschluss auf - feierlich wie Clarice Starling in Schweigen der Lämmer - und beginnt mit Stromstößen, die Leiche zu beleben. Was dann aus dem Sack kriecht, ist eine derart erbärmliche Figur, dass man sich in Ingolstadt wähnt, wo Dr. Frankenstein sein Monster geschaffen hat, und nicht in Mannheim, wo alle "Klassik" ihren Anfang genommen hat.

Die Produktion Ascanio in Alba ist ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim bei den Festspielen im Salzburger Landestheater.

Die Venus begleitenden Genien sind vom göttlichen Original geklonte oder industriell gefertigte Wesen mit weißen Gesichtern und adretten Fecht-Anzügen - wie auch die Göttin selber, die durch eine Schärpe gekennzeichnet ist. Sie tritt auf einer Schlachtenleiter auf, wie man sie zum Erstürmen von Burgmauern verwendet hat, und wickelt sich in eine feldgraue Militärsteppdecke. Das hat die Göttin der Liebe einfach nicht verdient.

Ob Kaiserin Maria Theresia, auf deren Kriege und deren Heiratspolitik damit angespielt werden soll, das verdient hat, mögen die Historiker entscheiden.

Keineswegs verdient aber hat diese betulich-plumpe Überfrachtung mit Sozial- und Herrscherkritik die hinreißende kleine Oper Ascanio in Alba des fünfzehnjährigen Mozart. Sie hat freilich den Makel, eine Festoper, ein "Festa teatrale", für die Hochzeit eines Habsburger-Sprößlings (1771, Erzherzog Ferdinand + Maria Beatrice d'Este von Modena) zu sein. Und daran, dass Maria Theresia ihre Kinder verschachert, stoßen sich Regisseur David Hermann und Ausstatter Christof Hetzer.

Venus/Maria Theresia macht ein wenig mütterlichen Liebesterror (Ascanio ist ihr Sohn), verbietet dem Burschen, sich seiner Verlobten, der Nymphe Silvia, zu erkennen zu geben, weil sie ihm erst ihre Tugend beweisen will. Der Nymphe ihrerseits hat göttlicher Wille die Liebe zu einem Unbekannten in den Kopf gebannt. - Und aus dieser ein wenig hanebüchenen Huldigung von Herrschertugenden, drehen Hermann und Hetzer der Göttin, der Kaiserin - und der Oper einen Strick und machen aus Arkadien ein Menschen-Klon-Labor.

Geschickt ist die Einführung zweier Schauspieler, Christian Banzhaf und Katherina Vötter, als Spielansager, die aber auch in die Handlung eingreifen und - statt der Rezitative - die Dialoge sprechen. Mit Unterstatement, Distanz und Humor bieten just die Schauspieler den anregendsten Teil der Oper.

Auf dem weit herauf gefahrenen Orchestergraben agiert - erstaunlich oft unsauber in der Intonation, ruppig in der Phrasierung und Rücksichtslos in der Lautstärke - das Orchester des Nationaltheaters Mannheim. Kräftig lobend, aber durchaus differenziert in der Lautstärke und homogen im Klang bringt sich der Chor des Nationaltheaters Mannheim ein.

Iris Kupke, mit sicherem Sitz, aber starrer, hart klingender Stimme, ist Venus. Sonia Prina als Ascanio - beklagenswert in ihrer hässlichen Maske (kein Wunder, dass der Nymphe graust) - lässt wahre Alttöne, aber auch viele Registerbrüche hören. Charles Reid als Hirte Aceste hat einen kräftigen, in der Stimmführung wenig kultivierten Tenor.

Marie-Belle Sandis ist eine darstellerisch und stimmlich hinreißende Silvia, optisch und akustisch der Lichtblick des Abends. Purer, wunderbarer Luxus ist Diane Damrau als Faun, der via Schaukel vor einem Barockprospekt vom Schnürboden herunterschwebt, zweimal mit Seelenruhe eine halsbrecherische Koloraturarie singt, sonst mit der Geschichte aber - leider - nichts zu tun hat. (Heidemarie Klabacher/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.8.2006)

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    Höhepunkt eines ansonsten eher mit wenigen Lichtblicken gesegneten Abends: Diana Damrau als Faun.

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