"Erfolg von Vista hundertprozentig vor­programmiert. Traurig, aber wahr."

30. August 2006, 15:01
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Linux-Experte Michael Kofler im WebStandard-Interview über Ubuntu und das kommende Windows

WebStandard: Im Juni wurde Ubuntu 6.06 veröffentlicht. Was sind die wesentliche Unterschiede zu anderen Linux-Distributionen? Worin liegen die Stärken von Ubuntu 6.06?

Michael Kofler: Ubuntu ist nach der Grundinstallation eine "kleine" Distribution. Sie ist im Vergleich zu anderen Distributionen extrem einfach zu bedienen. Es gibt keine Spielereien, kaum unnötige Zusatzfunktionen und keine Doppelgleisigkeiten (also nur ein Webbrowser, nicht fünf).

WebStandard: Erstmals wurde auch eine Serverversion von Ubuntu veröffentlicht. Wie schätzen Sie deren Zukunft ein? Wird sie rege Verbreitung finden?

Michael Kofler: Sowohl im Funktionsumfang als auch in der Konfiguration bzw. Bedienung gibt es wenig Unterschiede im Vergleich zu Debian. Ubuntu ist etwas aktueller, aber das muss im Server-Bereich nicht unbedingt ein Vorteil sein.

Welche Bedeutung Ubuntu Server gewinnen wird, lässt sich momentan sehr schwer einschätzen. Einerseits ist Ubuntu momentan einfach "in"; wer gerade einen neuen Server einrichtet, macht nichts falsch, wenn er/sie Ubuntu ausprobiert. Andererseits ist der Server-Markt konservativ: Wer bisher auf Red Hat oder Novell/SUSE gesetzt hat, wird dies wegen des Supports wohl weiterhin tun und den hohen Preis akzeptieren. Aber auch für langjährige Debian-Anwender gibt es wenig unmittelbare Gründe für einen Wechsel.

Ich vermute daher, dass Ubuntu längerfristig auch im Server-Markt Fuß fassen kann, aber dass die Migrationsgeschwindigkeit viel langsamer als im Desktop-Segment sein wird.

WebStandard: Kann es Ubuntu mit Windows Vista aufnehmen?

Michael Kofler: Ubuntu 6.06 ist relativ pünktlich fertig geworden (sechs Wochen Verspätung gegenüber dem ursprünglichen Plan). Wann es bei Windows Vista soweit ist, weiß niemand. Insofern ist jeder Vergleich schwierig, weil das fertige Windows Vista noch keiner kennt.

- Ubuntu bietet kaum grafischen Spielereien und sieht im Vergleich zu den aktuellen Vista-Betas beinahe altmodisch aus. Andererseits brauchen Sie sich keinen neuen Rechner kaufen, um Ubuntu 6.06 zu installieren. Im Vergleich zu Ubuntu sind die Hardware-Anforderungen von Windows Vista fast schon absurd.

- Über die Sicherheit von Windows Vista kann man momentan nur spekulieren, aber die Vergangenheit spricht eine klare Sprache. Wenn Sie keine Lust auf Viren & Co. haben, sind Sie mit Ubuntu auf der sicheren Seite.

- Ubuntu 6.06 wird sicher viel weniger Anwender finden als Windows Vista. Ganz egal, wann Vista fertig wird, wieviele Probleme es dann noch geben wird etc. - der Erfolg ist hundertprozentig vorprogrammiert. Traurig, aber wahr.

WebStandard: Was hindert Linux an einer stärkeren Verbreitung am Desktop?

Michael Kofler: Primär die Tatsache, dass auf fast jedem Rechner Windows vorinstalliert ist. Zudem das Faktum, dass branchen-spezifische Programme in der Regel nur als Windows-Versionen verfügbar sind. Aber auch die Linux-typischen Hardware-Probleme, d.h. fehlende Treiber bzw. fehlende Unterstützung durch Hardware-Firmen sind Faktoren.

WebStandard: In letzter Zeit gibt es wieder eine angeregte Diskussion über Closed-Souce-Treiber, Freespire integriert diese, sollte es auch von Ubuntu eine nicht-freie Version geben?

Michael Kofler: Persönlich halte ich nichts davon. Einerseits sinkt dadurch der Druck auf Firmen wie NVIDIA oder ATI, sich endlich mit dem Open-Source-Gedanken anzufreunden. Andererseits widersprechen Closed-Source-Treiber ziemlich sicher der GPL (GNU Public License, die Lizenz des Linux-Kernels).

Ich verstehe schon, dass beide Argumente einem möglichen Umsteiger von Windows auf Linux vollkommen egal sind. Es/Sie will nur, dass Linux problemlos läuft und alle Hardware-Komponenten unterstützt.

Einen goldenen Weg der Mitte gibt es hier wohl nicht - und im Zweifelsfall ist mir eine reine Open-Source-Distribution lieber. (Die Fragen stellte Markus Sulzbacher)

  • Michael Kofler lebt in Graz. Der renommierte IT-Autor hat mit seinem Buch "Linux" ein Standardwerk über das freie Betriebssystem geschaffen.  
Im Juli veröffentlichte er die dritte Auflage von "Ubuntu Linux" bei Addison-Wesley.
    foto: standard/cremer

    Michael Kofler lebt in Graz. Der renommierte IT-Autor hat mit seinem Buch "Linux" ein Standardwerk über das freie Betriebssystem geschaffen.
    Im Juli veröffentlichte er die dritte Auflage von "Ubuntu Linux" bei Addison-Wesley.

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