Finnische Sicherheitsbehörde: In Schweden drohte kein "Super-Gau"

13. August 2006, 20:37
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Aussage von ehemaligem Mitarbeiter sei Dramatisierung - Wiener Experte: Betrieb mit zwei Generatoren hätte genügt

Helsinki/Wien - Einen drohenden "Super-Gau" hat es nach Ansicht von Experten in der Vorwoche im schwedischen Kraftwerk Forsmark nicht gegeben. Die Darstellung, wonach es ein reiner Zufall war, dass es in dem AKW nicht zu einer Kernschmelze gekommen ist, sei eine Dramatisierung der Sachlage, sagte Juhani Hyvärinen, Leiter der Abteilung für Atomkraftwerkstechnologie bei der finnischen Strahlensicherheitsbehörde STUK, am Freitag. Diese Aussage des ehemaligen Forsmark-Ingenieurs Lars-Olov Höglund sei von Greenpeace verbreitet worden.

Hyvärinen verwies allerdings darauf, dass der Vorfall dennoch ernst zu nehmen sei und es sich "keinesfalls um eine alltäglichen Zwischenfall" gehandelt habe. Falls bei diesem Kraftwerkstyp tatsächlich alle vier Reserve-Generatoren ausfallen würden und das Kraftwerkspersonal diese nicht innerhalb einer halben Stunde manuell starten, werde die Temperatur im Reaktorkern zu hoch und innerhalb von eineinhalb bis zwei Stunden beginne der Kern zu schmelzen.

Fehlstart nach Kurzschluss

Bei dem Störfall Forsmark starteten zwei der vier Dieselgeneratoren für die Notstromversorgung des Reaktors nach einem Kurzschluss in einer Schaltanlage überraschend nicht. Dem Kraftwerkspersonal gelang es jedoch laut einem Bericht der AKW-Leitung an die schwedische Strahlensicherheit, auch diese beiden nach 22 Minuten manuell zu starten. Hyvärinen zufolge hätten aber auch die beiden fehlerfrei und automatisch gestarteten Generatoren ausreichend Strom produziert, um den Reaktor voll unter Kontrolle zu halten.

Am finnischen AKW-Standort Olkiluoto sind derzeit zwei Siedewasserreaktoren mit einem ähnlichen Konstruktionsaufbau wie jene in Forsmark in Betrieb. Hyvärinen zufolge wurden in den vergangenen Jahren mehrfach Adaptionen der Anlagen ausgeführt, "die teilweise in eine andere Richtung gingen, als in Forsmark", so dass er nicht davon ausgehe, dass ein ähnlich kritischer Zwischenfall wie in Schweden auch in Olkiluoto möglich wäre. Dennoch werde STUK eine genaue Analyse möglicher Ablaufszenarien durchführen, die mehrere Wochen in Anspruch nehmen werde. Danach könne man endgültig ausschließen, dass die beiden finnischen Reaktoren nicht ebenfalls einen derartigen Sicherheitsmangel aufweisen.

Unklarheiten

Unklar ist derzeit, warum in Forsmark nach dem Ausfall der beiden Dieselgeneratoren auch mehrere Pumpen für das Kühlwasser im Reaktortank zeitweise nicht funktionierten. Die Kraftwerksleitung kündigte an, auch das Steuersystem der Hauptpumpen einer eingehenden Überprüfung unterziehen zu wollen. Wahrscheinlich müssen künftig außerdem die Drehzahlmesser der Dieselgeneratoren umgebaut werden, da diese derzeit nur bei ununterbrochener Stromversorgung und innerhalb eines bestimmten Spannungsmarginals verlässlich funktionieren.

ATI-Experte: Zwei Generatoren genügen

Der Betrieb mit nur zwei Generatoren hätte ausgereicht, bestätigte auch Univ. Prof. Dr. Helmuth Böck vom Atominstitut der Österreichischen Universitäten (ATI). Bei einem Atomkraftwerk sei alles "überdimensioniert" und die zwei Dieselgeräte dienen als "Sicherheitsreserve", sagte der Wissenschaftler am Freitag.

Der Vorfall in Schweden liege auf Stufe zwei der INES-Skala, berichtete Böck. Die Ereignisse mussten daher der Sicherheitsbehörde gemeldet und die Ursache untersucht werden. Auswirkungen im und außerhalb des Kraftwerks habe es allerdings nicht gegen. Andere AKW seien über den Vorfall informiert worden und hätten, um die Funktionstüchtigkeit ihrer Generatoren zu überprüfen, Reaktoren abgeschaltet.

Bei dem Vorfall in Temelin am 2. August sei in einem hermetisch abgeschlossenen Raum Wasser aus einem nicht ganz geschlossenen Handventil ausgetreten, erklärte Böck. Auf der siebenstelligen Skala der International Nuclear Event Scale (INES) würde der Vorfall etwa auf Stufe Null bis Eins gewertet werden. Von dem betroffenen Bereich sei die Flüssigkeit über ein Ablaufsystem in einem speziellen Gefäß aufgefangen worden. Mitarbeiter oder die Umwelt seien davon also nicht betroffen.

Fortschritte

Seit der Errichtung der ersten Atomkraftwerke habe es enorme technische Fortschritte gegeben, berichtete Böck. Der Vergleich der ersten Bauten mit neueren AKW sei wie die Gegenüberstellung eines VW-Käfers mit einem Golf aus dem Jahr 2006. Dementsprechend beschäftige sich die Sicherheitsforschung heute besonders mit den Gefahren durch Erdbeben, Flugzeugabstürzen oder Terroranschlägen, die derzeit die größte "Bedrohung" darstellen.

In Kalifornien und Japan sind Werke erdbebensicher ausgestattet, erklärte der Wissenschaftler. In Finnland werde derzeit ein neues Werk gebaut, dessen dicke Ummantelung dem Zusammenstoß mit einem gewöhnlichen Flugzeug standhalten soll. AKW aus den sechziger und siebziger Jahren, die nicht mehr entsprechend nachgerüstet werden können, schalte man laufend ab. Derzeit seien noch etwa 50 bis 100 Stück - einige davon in Osteuropa - in Betrieb. (APA)

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