VOS und VORS – Alt und gut

6. August 2006, 17:30
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Alterszertifizierte Sherries – Eine kleine, aber feine Erfolgsgeschichte und was dahintersteckt in Teil 23

Als in den 90iger Jahren des vorigen Jahrhunderts immer mehr Sherries mit irgend einer Art von Altersangabe auf dem Markt auftauchten, sah sich der Consejo Regulador gezwungen, auch für diese Art von Sherry ein Kontrollsystem einzuführen, um einerseits etwaigen Betrügereien einen Riegel vorzuschieben, andererseits diese Raritäten vor dem Ausverkauf zu schützen und dem Konsumenten eine Garantie mit Hand und Fuß zu bieten.

Dies war die Geburtsstunde der alterszertifizierten Weine VOS (Vinum Optimum Signatum / Very Old Sherry) – 20 Jahre und VORS (Vinum Optimum Rare Signatum / Very Old Rare Sherry) – 30 Jahre und des dazugehörigen sehr strengen Kontrollsystems.

Nachdem im Jahr 2000 die Regeln festgelegt und im Reglamento festgeschrieben wurden, dauerte es allerdings noch bis zum 2. Juli 2001, bis die Kostkomission zum Erstenmal eingereichte Weine prüfte (mittlerweile sind auch Weine mit einer Altersangabe von 12 bzw. 15 Jahren auf dem Weg ins Reglamento) und für den Verkauf freigab (bis heute haben über 70 Weine von rund 20 Bodegas die Zertifizierung erhalten).

Was bedeuten die Angaben 20 bzw. 30 Jahre?

Die Angaben beziehen sich aufs Durchschnittsalter, sprich theoretisch (und nur theoretisch, aufgrund der weiteren Kriterien) wäre es möglich einen 59 jährigen Wein mit einem 1 jährigen zu mischen und dadurch einen VORS zu erhalten. In der Praxis kann man allerdings davon ausgehen, dass sich kein unter 10 bis 15 jährige Wein darin befindet.

1780, 1842 – wie was wann?

Eines der Ziele, diese Weine dem Reglamento zu unterwerfen, war und ist, dem Konsumenten eine Sicherheit und Orientierungsmöglichkeit in der von Haus aus äußerst unübersichtlichen Welt des Sherry zu geben, tappte dieser doch mit nicht näher spezifizierten Angaben wie „alt, sehr alt, sehr sehr alt, etc.“ bis dato völlig im Dunkeln. Dass dieses Dunkel ein wenig heller geworden ist, steht außer Frage, doch sollte der Consejo als konsequente Fortsetzung seiner Strategie auch dahingehend aktiv werden, dass für den unbedarften Käufer irreführende, sich teilweise im Namen findende Jahrgangszahlen, wie z.B. 1842, vom Etikett verschwinden. Schön dass uns der Produzent eine Information darüber gibt, wann seine Bodega, oder diese spezielle Solera gegründet wurde, hilfreich im Sinne der angestrebten Orientierung für den Verbraucher ist sie allerdings nicht – zu gerne denkt der leichtgläubige Käufer beim Anblick solcher Zahlen an Madeira oder Port und sieht sich in Gedanken schon am Abend mit seiner Liebsten einen 164-jährigen Tropfen genießen...

Was wird qualifiziert?

Qualifiziert (so sie die Prüfung bestehen) werden ausschließlich definierte Chargen, nicht jedoch bestimmte Marken, bzw. Soleras. D.h. es kann durchaus sein, dass heute ein Wein als VORS qualifiziert wird, das nächste Mal (aus der gleichen Solera) nicht, oder nur als VOS (bedingt z.B. durch das Auffrischen mit einem „zu jungen“ Wein, da ja die Solera nicht von einer kontinuierlichen Criaderareihe gefüttert wird und es dadurch zu entscheidenden Veränderungen im Durchschnittsalter kommen kann).

Vorbereitung und Plombierung

Nachdem eine bestimmte Charge zur Einreichung vorgesehen ist, nimmt ein Organ des Consejos 3 Proben (eine für die Analyse, eine als zukünftige Referenz und eine für die Verkostung) und versiegelt anschließend das Fass (den Tank), bis zur entgültigen Entscheidung (um nachträgliche Manipulationen zu verhindern).

3 Kriterien

Was sind nun die Kriterien um das begehrte Siegel zu erhalten?
1. Analyse des Weins in Bezug auf altersrelevante Parameter wie C14, Aschegehalt, Trockenextrakt etc. (ohne damit etwas über die Qualität auszusagen, aber um die Altersangabe zu verifizieren)
2. Die Bodega muss die 20-fache (VOS), bzw. 30-fache (VORS) Menge des zur Deklaration vorgesehenen Weins in Form von Criaderas haben (hat auch weniger mit Qualitätssicherung als mit Selbstschutz zu tun, damit die Bodegas – und ich glaube es würde Einige geben, die dies tun würden – nicht allen verfügbaren Wein auf den Markt werfen und diesen damit sofort zu ruinieren und um ein Fortbestehen dieser Weine zu sichern)
3. Qualität: Verdeckte Verkostung durch 6 unabhängige Experten – im Schnitt werden 20 % der eingereichten Muster zurückgewiesen, bzw. nicht als VOS oder VORS anerkannt (im Falle einer Zurückweisung hätte die Bodega die Möglichkeit eine Art höheres Schiedsgericht anzurufen, wovon allerdings in der Praxis nicht Gebrauch gemacht wird.

Alt = Gut?

Diese Frage stellt sich natürlich unweigerlich. Auf Sherry generell bezogen muss die Antwort heißen: nicht unbedingt. Was alte Sherries auf jeden Fall auszeichnet, ist ihre unglaubliche Konzentration (bedingt durch einen jährlichen Verdunstungsverlust von 3 – 4%. Dies führt allerdings auch dazu, dass Weine aus bestimmten Soleras de facto ob ihrer Konzentration manchmal sehr unharmonisch werden und ob dieser fast untrinkbar werden. Hier ist nun der Capataz gefordert, einen adäquaten Wein zum Auffrischen zu finden, um wieder ein harmonisches Ganzes entstehen zu lassen.

Auf VOS und VORS bezogen muss man die Frage mit einem 99%-igem Ja beantworten. Dass nicht alle diese Weine große Weine im Sinne von mehr wie 95 Punkten sind, ist klar, aber über 85 liegen wohl alle (von fehlerhaften Flaschen abgesehen). Jemand der diese Art von Wein mag, wird sicher von keinem der Zertifizierten enttäuscht werden (vor allem im Bereich bis Euro 60,-. Bei manchen Weinen jenseits der 100 Euro würde man sich manchmal durchaus mehr erwarten... aber werfen sie andererseits einen Blick ins Burgund oder nach Bordeaux und letztlich bestimmt der Markt den Preis).

Was bringt die Zertifizierung? Und wem?

Dem Konsumenten die Sicherheit bezüglich der Altersangabe (und siehe oben auch hinsichtlich der Qualität). Dem Produzenten ein nützliches absatzförderndes Marketinginstrument und meist einen höheren Preis (alterszertifizierte Sherries haben im Preis überproportional zulegen können), bzw. wurden manche Weine dadurch erst vom Markt wahr- und aufgenommen. Dem Sherry allgemein einen Imagezugewinn, den der angeschlagene Gesamtmarkt (2005 minus 4,7 %, hauptsächlich durch den dramatischen Einbruch in Großbritannien verursacht) ohnehin bitter nötig hat und letztlich dem Weinhändler ein nützliches Verkaufsinstrument im Hinblick auf die primär jahrgangsorientierten Weinkäufer.

Alt = VOS oder VORS?

Nicht immer. Nach wie vor werden viele sehr alte Weine (die locker die Kriterien erfüllen würden) ohne Bezeichnung verkauft, wie z.B. die Reliquias von Barbadillo, Palo Cortado Viejo von Gutierrez Colosia, und unzählige mehr. Die Gründe dafür sind vielfältig und wohl von Haus zu Haus verschieden und oftmals eine Kombination von Faktoren:

  • handelt es sich um eine Marke, dessen Inhalt knapp um die 30 Jahre Durchschnittsalter aufweist, mag es der Bodega vielleicht zu riskant sein, den Wein einzureichen, besteht doch die Gefahr bei einer der nächsten Abfüllungen nicht mehr als VORS anerkannt zu werden, was wohl auch nicht gerade gut fürs Image einer Marke ist und einen größeren Erklärungsbedarf dem Konsumenten gegenüber verursacht
  • nicht jeder mag sich den entsprechenden Kontrollen aussetzen (aus welchen Gründen auch immer...)
  • die Bodega hat einfach nicht genug Wein in Reserve hinter ihrer Abfüllung (20 bzw. 30-fache Menge)
  • man will das Schicksal seines Weines nicht in die Hand von 6 Menschen und deren aktueller Befindlichkeit legen (auch in Österreich sind die Entscheidungen diverse amtlicher Kostkomissionen oft undurchsichtig bzw. unverständlich – zumindest aus der Sicht des betroffenen Winzers)
  • ein etwaige „Abwertung“ des Weines, wenn z.B. die Bodega den Wein jahrelang schon mit einem Durchschnittsalter von über 50 Jahren verkauft – plötzlich wäre er nur mehr über 30? Auch nicht gerade optimal.

    Der Erfolg in Zahlen

    Auch wenn wir hier von nur rund 0,23 % des Gesamtmarktes reden, ist die Etablierung der alterszertifizierten Weine eine Erfolgsgeschichte. Wie bereits erwähnt einmal im Sinne der Imagesgeigerung und der positiven Berichterstattung über Sherry in den einschlägigen Magazinen, andererseits auch in wirtschaftlicher Hinsicht, weisen die Weine doch eine wesentlich höhere Wertschöpfung auf und gibt es doch mittlerweile (vor allem neuere) Bodegas, die sich ausschließlich der Vermarktung zertifizierter Weine verschrieben haben, wie z. B. Bodegas Tradicion (alle VORS bzw. VOS) oder die Bodega Valdivia, die ihr Hauptaugenmerk auf die Schiene der 12 und 15 jährigen Weine legt.

    Während die VORS Weine, bedingt neben der geringen verfügbaren Menge, auch sicherlich durch ihren hohen Durchschnittspreis, wohl ihren vorläufigen Zenit erreicht haben dürften (bis zum Erschließen neuer Märkte) und seit 2003 plusminus konstant bei einem Absatz von 100.000 Litern (mit einer dahinterstehenden Bestandsmenge von 3 Mio. Litern!) liegen, haben die preislich für den Konsumenten interessanteren VOS Weine seit 2003 ihre Menge auf rund 40.000 Liter (notwendige Bestandsmenge 800.000 Liter) verdreifachen können (detto die 12 bzw. 15 jährigen Weine auf rund 72.000 Liter) – und hier wird es auch in Zukunft kein Nachschubproblem geben und vor allem ist es sicher leichter neue Käuferschichten für Sherryraritäten um 20 Euro zu erschließen als für Weine ab 30 Euro aufwärts. (Klaus Hackl)

    • Solera de su Majestad von Valdespino – einer der besten VORS, leider auch einer der teuersten.
      foto: klaus hackl

      Solera de su Majestad von Valdespino – einer der besten VORS, leider auch einer der teuersten.

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