Avnery: "Hisbollah-Sieg, egal wie das Ende aussieht"

5. August 2006, 14:39
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Israelischer Friedensaktivist: Schiitenorganisation wird nach dem Krieg weiter erstarken - Neue Achse im Nahen Osten

Jerusalem/Berlin - "Noch funktioniert die Hisbollah und kämpft weiter. Allein dies wird in die Geschichtsbücher der arabischen Völker als glänzender Sieg eingehen. Wenn ein Leichtgewichtler gegen einen Schwergewichtler kämpft und in der 15. Runde immer noch steht, so ist dies ein Sieg, egal wie das Ende aussieht", schreibt der israelische Pazifist und Ex-Parlamentsabgeordnete Uri Avnery in einem Beitrag für die deutsche Zeitung "Freitag".

Dan Halutz, der erste israelische Generalstabschef, der aus den Reihen der Luftwaffe kommt, habe sich "gewaltig geiirt", findet der Gründer der Friedensbewegung "Gush Shalom" und Träger des Alternativen Friedensnobelpreises.

"Gewaltiger Irrtum"

General Halutz sei davon überzeugt gewesen, dass er "die Hisbollah mit einem Bombardement aus der Luft und durch Artillerie und Kriegsschiffe erledigen könne. Er hat sich gewaltig geirrt. Selbst nach der vielfältigen Zerstörung der Infrastruktur im Libanon gelang es ihm nicht, den Gegner zu besiegen", so Avnery. Hisbollah könne nur "entfernt" werden, wenn die ganze schiitische Bevölkerung - 40 Prozent der Libanesen - vertrieben werde. "Das wäre eine ethnische Säuberung - ich hoffe, dass keiner daran denkt. Nach dem Krieg wird die Hisbollah weiter wachsen."

Wenn eine internationale Stabilisierungstruppe im Libanon gegen den Willen der Hisbollah aufgestellt werde, "wird sich ein Guerillakrieg entwickeln. Wird eine internationale Streitmacht an einem Ort standhalten und kämpfen, von dem sich die mächtige Armee Israels vor sechs Jahren mit eingezogenem Schwanz zurückgezogen hat? Bei alldem gibt es noch ein spezielles Dilemma: Was wird geschehen, wenn die Hisbollah Israel trotz der Pufferkräfte angreift? Wird Israel dann wieder in das Gebiet einmarschieren und einen Zusammenstoß mit der internationalen Truppen riskieren, zum Beispiel mit deutschen Soldaten?"

Neue Achse im Nahen Osten

"Im Nahen Osten könnte eine neue Achse entstehen, die die Hisbollah, die Palästinenser, Syrien, den Irak und den Iran einschließt. Syrien ist ein sunnitisches Land. Der Irak wird jetzt mehrheitlich von Schiiten kontrolliert, von denen die Hisbollah unterstützt wird. Aber die irakischen Sunniten, die einen harten Guerillakrieg gegen die Amerikaner führen, sympathisieren gleichfalls mit der Hisbollah. Dieser Block erfreut sich großer Beliebtheit in der gesamten arabischen Welt, weil er gegen die USA und Israel kämpft. Der andere Block, der Saudiarabien, Ägypten und Jordanien einschließt, verliert täglich an Popularität", schreibt Uri Avnery.

Gil Yaron : "Niederlage an allen Fronten"

Israels Libanon-Offensive bedeute eine "Niederlage an allen Fronten", erklärte der israelische Nahost-Experte Gil Yaron am Freitag in einem ORF-Radiointerview im Ö1-Mittagsjournal. Der Krieg gegen die schiitische Hisbollah-Miliz dauere nun schon länger als der Yom-Kippur-Krieg von 1973, als Israel zwei reguläre Armeen (Ägypten und Syrien) zurückgeschlagen habe. Die Israelis hätten bisher keines ihrer Ziele erreicht, und ihr Abschreckungspotenzial sei kleiner geworden.

Die für Israel beste denkbare Lösung, so Yaron, wäre ein lang anhaltender Waffenstillstand mit der Stationierung einer internationalen Stabilisierungstruppe im Südlibanon. Dies sei allerdings ein "sehr, sehr optimistisches Szenario". Denn kein Land der Welt werde sich wohl darauf einlassen, Soldaten in den Libanon zu schicken, bevor ein Abkommen zwischen Israel und der Hisbollah ausgehandelt sei. Yaron sieht nach eigenen Worten bereits den "Countdown zum nächsten Krieg im Nahen Osten". (APA)

  • Der israelische Friedensaktivst befürchtet das Entstehen einer neuen Achse im Nahen Osten, die die Hisbollah, die Palästinenser, Syrien, den Irak und den Iran
einschließt.
    foto: apa/epa/ingo wagner

    Der israelische Friedensaktivst befürchtet das Entstehen einer neuen Achse im Nahen Osten, die die Hisbollah, die Palästinenser, Syrien, den Irak und den Iran einschließt.

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