Mit Feuer, Wasser und Pistolen

20. Juli 2007, 16:43
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"Abendempfindung" - Station zwei von Joachim Schlömers "Irrfahrten" im Residenzhof

Salzburg - Von den vielen nie gestellten Fragen zum Mozartjahr wurde von Joachim Schlömer eine weitere beantwortet, nämlich die Frage nach der Beziehung Mozarts zum Wassersport. Idomeneo kommt immerhin mit dem Schiff an. Guglielmo und Ferrando legen mit dem Schiff ab und Tamino und Pamina müssen sogar durch das nasse Element. Was Wunder also, dass im Residenzhof ein Schwimmbecken samt Sprungturm aufgebaut ist. Für die Werkstätten der Festspiele ist nichts unmöglich und das rhythmische Plätschern eines schwimmenden Tänzers ergibt ein reizvoll maritimes Obligato zur Arie "Vado, ma dove?"

Aber trotzdem ist nicht "Auf dem Wasser zu singen", sondern "Abendempfindung" angesagt, bei der zweiten der drei Irrfahrten von Joachim Schlömer im Residenzhof. Ann Murray singt zu Anfang das Lied KV 523 "Abendempfindung an Laura" mit dem Gestus einer großen Arie.

Sonst ist es eher endzeitlich denn geruhsam abendlich. Mit Zitaten aus Briefen Mozarts wird ein hübsch trübsinniger Lebens- und Existenzkampf nachgezeichnet. Auch dass Mozart in Salzburg, wo er bei Hofe am Dienstbotentisch speisen musste, weder berufliche Anerkennung noch persönliche Befriedigung erringen konnte, erfahren wir einmal mehr.

Der Mensch Mozart

Sängerin, Schauspielerin und Tänzer spiegeln Facetten einer komplexen Persönlichkeit, sie alle sind der Mensch Mozart, oder der Mensch als solcher - wohl ein Leitmotiv, denn auch die Hauptfigur aus der ersten Irrfahrt hatte ein Alter Ego. Graham Smith, ein ausdrucksstarker Tänzer, spiegelt die seelischen oder finanziellen Qualen, von denen die Schauspielerin Marianne Hamre spricht, körperlich. Die Texte werden einstimmig oder im Kanon rezitiert, aber auch aus im Raum verteilten Lautsprechern eingespielt. Dazu kommen musikalische Häppchen, fein serviert von Michael Hofstetter und der Camerata Salzburg, verstärkt um zwei Glasharmonikaspieler.

Für einprägsame Bilder sorgen die auf eine Spiegelwand projizierten Videos von "fettFilm", die Tänzer, Schauspielerin und Sängerin immer wieder verdoppeln, gelegentlich auch vervielfachen: Die Doppel- und Dreifachgänger Mozarts werden also zusätzlich vervielfacht.

Nun zum Erstaunlichsten an Irrfahrt Nummer 2: Gleich in der ersten Briefstelle beschwert Mozart sich über undisziplinierte Adelige, die in ihren Salons ungeniert quatschen, während er musiziert. Diese Klage wird zu unterschiedlichsten Bildern eingespielt. Gleichzeitig wird den Abend hindurch immer wieder Text über die Musik geblendet: Da wäre etwa das fein phrasiert musizierte Adagio aus der Serenade B-Dur KV 361 gewesen oder der vierte Satz aus dem Streichquintett g-Moll KV 516, ganz zu schweigen von den wunderbar jenseitigen und so selten zu hörenden Werken für Glasharmonika - und dann wird reingequatscht. Man glaubt es nicht!

Halt! Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Pistolen und die Verfolgungsjagd, die sich die vielfach gespaltene Persönlichkeit und ihre Video-Schatten vor drei Stellwänden liefern. Wie schon an der ersten Irrfahrt ist auch in der zweiten der höchste Unterhaltungswert dem Einsatz von Waffen zu danken. Kein Wunder - Mozart war ein leidenschaftlicher (Pölzl-)Schütze! (Heidemarie Klabacher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2006)

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    Graham Smith und Marianne Hamre

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