Ball auf dem Rasen, Kopf im Sand

18. Juni 2000, 14:14

Alle sind im Sportfieber. Aber wo bleibt die Analyse der ideologischen Funktionen, der wirtschaftlichen Interessen und der negativen politischen Auswirkungen des Hochleistungssports?

Drei ideologische Faktoren sind dafür verantwortlich, dass sich die sozio-politische Analyse des Sports häufig durch verharmlosende Nachsicht oder gar durch glatte Blindheit auszeichnet. Der erste Faktor ist das Gesetz des Schweigens, das in der Welt des Sports an die Stelle ethischer Grundsätze tritt: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wer Interna preisgibt, gilt als Verräter oder Feigling und wird geächtet. Tatsachenverschleierung, Desinformation und Augenwischerei gehören im "Milieu" des Sports bis hoch in die Führungsetagen zur täglichen Praxis.

Wenn ein Radsportler behauptet, Doping sei im Radsport unbekannt; wenn ein renommierter Judoka oder ein bekannter Fußballer trotz positiver Laborergebnisse jeden Dopingvorwurf weit von sich weist; wenn das IOK ungeachtet der Beweislage bestreitet, dass bei der Entscheidung über den Austragungsort der Olympischen Spiele Bestechung im Spiel war; wenn Fußballer, Rennfahrer, Tennis-, Basketball- und Golfspieler die exakte Höhe ihrer fabulösen Einkünfte verheimlichen; wenn Sportfunktionäre nach Bekanntwerden von Schmiergeldzahlungen, geheimen Wetten, schwarzen Kassen oder bestochenen Schiedsrichtern so tun, als würden sie aus allen Wolken fallen; wenn schließlich Sportler, Trainer und Funktionäre die gewalttätigen Ausschreitungen, zu denen es inner- und außerhalb der Stadien immer wieder kommt, systematisch verniedlichen, dann besteht aller Grund, einmal hinter die Kulissen zu sehen. Das gilt für den Sport ebenso wie für andere Institutionen, die sich - wie etwa die Gefängnisse oder die Kasernen - dem Licht der Öffentlichkeit und unabhängigen Untersuchungen entziehen wollen.

Auch lässt sich kaum behaupten, dass die europäischen und internationalen Organisationen, die nationalen Behörden, Parlamentsausschüsse und Sportverbände übermäßigen Eifer zeigen, die trüberen Aspekte eines institutionellen Betriebes zu erforschen, der sich am Rande der Legalität oder gar im illegalen Abseits abspielt.

Was hindert die Zoll- und Steuerbehörden, die Finanzierungsmethoden und die Bankkonten, die Steuererklärungen und die undurchsichtigen Geschäfte der Protagonisten des Profisports unter die Lupe zu nehmen? Wenn es darum geht, die Geldquellen diverser Sekten oder die mafiösen bis terroristischen Konstruktionen von Geldwäscherbanden zu durchleuchten, bleibt die Finanzpolizei ja auch nicht untätig. Und was die Doping-Problematik anbelangt, so ändern die medienwirksamen Auftritte des IOK, die "feste Entschlossenheit" der französischen Regierung, die "entrüsteten" Erklärungen der Sportfunktionäre nichts daran, dass die Expertenausschüsse völlig ergebnislos tagen und dass der Schwindel ungebremst weitergeht.

Abgeblockte Kritik

Der zweite ideologische Faktor, der eine eingehendere Analyse des Profisports hintertreibt, ist der Kleinmut der Sportler, Funktionäre und Sportjournalisten, die sich bei der leisesten Kritik infrage gestellt fühlen. Bereits eine schlichte Bestandsaufnahme läuft in ihren Augen darauf hinaus, die "Basisarbeit der Ehrenamtlichen" zu verhöhnen, das "Kind mit dem Bade auszuschütten" , schlimmer noch: die "Vorbildfunktion unserer Spitzensportler in den Schmutz zu ziehen" und die "Integrationskraft des Sports" zu schwächen. So trägt der so genannte Sportsgeist dazu bei, die Selbstverteidigungsmechanismen einer in die Krise geratenen Institution zu stärken. Hässliche Ausschreitungen lässt man allenfalls als "Ausrutscher", "Entgleisung", "Fehlentwicklung" oder "Exzesse" gelten, die "sportfremde" Elemente zu verantworten haben. Unter keinen Umständen will man einräumen, dass es die Logik der sportlichen Konfrontation selbst ist, die jene " wild gewordenen Tiere" hervorbringt, von denen die britischen Zeitungen schreiben.

Der Mythos vom "Sportfest" soll auch dann weiterleben, wenn das Fest zur blutigen Schlacht ausartet. In diesem Wunschdenken ist nicht vorgesehen, dass der Sport eine Spielart des Krieges ist, dass er wie alle Kriege niemals sauber sein kann und sich auch nicht in humanitäres Wohlgefallen auflöst. Einst haben die kommunistischen Aktivisten pietätvoll die Augen vor der stalinistischen Barbarei geschlossen, um das "Herz der Arbeiterklasse" nicht zu verstören. Heute hört man dieselbe Argumentation in Sachen Sport: Die den Kopf in den Sand stecken und sich für einen "sauberen" , einen "humanen" , einen "friedfertigen Sport" zu engagieren wähnen, soll man in ihrem Glauben doch bitte schön nicht stören. Wer die sportliche Illusion demontiert und eine kompromisslose Analyse seiner professionellen Strukturen betreibt, ist ein Feind des Sports.

Die barbarischen Horden, die mit Alkohol und Hass abgefüllten "Hooligans", werden uns sozusagen als Außerirdische präsentiert, als fremde Elemente, die mit dem Fußball in Wahrheit nichts zu schaffen haben: "Ob Engländer oder Deutsche oder was auch immer, ihr Interesse gilt in keinem Fall dem Fußball. Der mag sich bisweilen durch allzu große Nachsicht mitschuldig gemacht haben, aber für diese Subjekte ist er gleichwohl nur Tarnung und Anlass, um sich abzureagieren, und bei der Weltmeisterschaft auch der Aufhänger, um in die Medien zu kommen. Doch täuschen wir uns nicht: Sie nisten sich zwar im Fußball ein, sie machen sich in seinem Schlagschatten breit. Aber sie kommen nicht aus den Stadien, die sie im Gegenteil sogar hassen." (aus Le Monde vom 23.6.1998) Diese Art der Realitätsverleugnung ist die letzte Verteidigunglinie einer Veranstaltung, die von einer Welle der Gewalt überrollt wird. Sie beruht auf einem gut eingeübten ideologischen Postulat: Der "wahre" Fußball, der Fußball der wirklichen Fans, der Fußball der Arbeiterstädte (Lens, Calais, Gueugnon usw.) werde von einigen schwarzen Schafen pervertiert, die sich wie Parasiten in ihm eingenistet hätten.

Unerklärlich bleibt dabei jedes Mal die Frage, welche eigenartige Konditionierung eigentlich diese Hooligans so unwiderstehlich zum Fußball treibt, welche merkwürdige Wahlverwandtschaft all diese "Ultras" mit dem runden Leder verbindet? Dem klassischen Mechanismus ideologischer Verkehrung folgend, verstiegen sich die Sportreporter nach dem Blutbad von Heysel 1985 zu der These, nicht der Fußball habe gemordet, nein, an diesem Tage sei er ermordet worden. Der Täter wurde zum Opfer. Und immer sind es die bösen Buben aus der Fremde, die den jungfräulichen Fußball schänden. Doch diese These bricht sofort in sich zusammen, wenn man sich vor Augen hält, mit welcher Regelmäßigkeit "Freundschaftsspiele", nationale Meisterschaften ebenso wie internationale Begegnungen, von schweren Ausschreitungen begleitet sind.

Die sentimentalen "Sportskameraden", die uns das Hohelied von der friedlichen Integrationskraft des Sports in allen Tonlagen vorsingen, sollten uns erklären, warum sportliche Wettkämpfe in "benachteiligten Stadtvierteln" stets ein bürgerkriegsähnliches Klima heraufbeschwören und mit rassistischen Beschimpfungen, vorausgeplanten Attacken und blutigen Racheakten enden? Warum herrscht in und vor den Stadien regelmäßig eine Art Belagerungszustand, der vielfach in tätlichen Auseinandersetzungen zwischen Krawallmachern und Bereitschaftspolizei mündet? Ist die beeindruckende Präsenz der Ordnungskräfte bei großen Spielen wirklich nur eine unbedeutende Begleiterscheinung? Kann man allen Ernstes davon ausgehen, dass das Schauspiel der Gewalt, das die Blutgrätscher Woche für Woche auf dem Spielfeld bieten, die kriegerischen Horden der Schlachtenbummler nicht aufstachelt? Und dass Letztere nur die nebensächliche Begleiterscheinung eines ansonsten sauberen Spiels sind?

Live übertragene Zusammenstöße zwischen fanatischen, vielfach von Rechtsradikalen unterwanderten Banden, hasserfüllte Schlägereien, Ausschreitungen und Vandalismus, Mord und Totschlag gehören mittlerweile in allen Ländern und auf allen Wettkampfebenen zum Fußballalltag. Aber solche Zustände herrschen auch in anderen Sportarten, selbst in jenen, die man dagegen immun glaubte, wie etwa Tennis.

Vorbilder sind die "Idole der Jugend" auch mit Blick auf die allgemein verbreitete Doping-Praxis. Ob Radsport, Gewichtheben oder Leichtathletik, ob Schwimmen, Rugby, Handball, Basketball, Eiskunstlauf oder Judo - keine Sportart scheint vor der verheerenden politischen Ökonomie der Droge sicher zu sein.

Falsches Bewußtsein

Als dritter ideologischer Faktor, der den professionellen Sport vor Kritik schützt, muss man auf die zahlreichen Politiker, Hochschullehrer, Journalisten und Meinungsführer verweisen, die von einer "Sportkultur" schwärmen, die sie der Öffentlichkeit als Religionsersatz andienen. Dem falschen Bewusstsein huldigen die bedingungslosen Diener des Profisports in Eintracht mit den Minnesängern des Humanismus. Anstatt vom real existierenden Sport zu sprechen, fantasieren sie sich ein Idealbild von einer reinen, friedlichen Sache zusammen, die der Erziehung unserer Jugend dienlich und den Staatsbürgertugenden förderlich sei. Von der Geschäftemacherei will keiner etwas wissen.

Die einen bewundern - aus der angeblich neutralen Sicht des Anthropologen - das Ritual des Wettbewerbs, die kämpferischen Leidenschaften, den Leistungskult, den Sportsgeist, das sportliche Vergnügen und geißeln jeden kritischen Ansatz, der sich vom trügerischen Schein der Spiele nicht hinters Licht führen lässt.

Die anderen verteidigen die "Sportkultur" gegen die negativen Auswirkungen des "sozialen Umfelds" . Dieselben Leute, die uns die Wohltaten der Freizeitgesellschaft schmackhaft machen, preisen nun den zivilisatorischen Wert der Sportkultur: "Sie ist eine von Grund auf humanistische Angelegenheit, die allerdings durch alle möglichen Interessen, Leidenschaften und Vorurteile entstellt, deformiert und pervertiert werden kann. Nur wenn sie sich standhaft gegen diese Anfechtungen wehrt, wird sie sich halten und auf die Gesellschaft ausstrahlen können." (Joffre Dumazedier in der Revue Internationale des sciences du sport et de l'éducation physique)

Das Gerede von der Sportkultur hat binnen kurzem Eingang in die Regierungspropaganda gefunden. Der ehemalige französische Bildungsminister Claude Allègre etwa, der ständig die "staatsbürgerlichen Werte" und die "erzieherische Bedeutung" der "Sportkultur" lobte, machte kurz vor seiner Abdankung die anbiedernde Aussage: "Ich habe als aktiver Sportler genauso viel gelernt wie beim Besuch von Schulklassen. Wenn ich könnte, würde ich es für alle Kinder zur Pflicht machen, einen Mannschafts- und einen Einzelsport auszuüben." Fragt sich nur, welche Art von Sport er dabei im Auge hatte: den "sozialistischen" Kasernensport, wie er heute noch in China praktiziert wird, den "liberalen" Sport der korrupten Funktionäre und Steuerhinterzieher, den Sport der Pillen- und Spritzendealer oder den Sport der modernen Menschen- und Sklavenhändler.

Anlässlich der EM 2000, der Tour de France und der Olympischen Spiele von Syndey sollten wir uns klar machen, dass der institutionalisierte Sport in die Ära krimineller Globalisierung eingetreten ist. In einer Welt, die vom neoliberalen Fundamentalismus dominiert wird, arbeiten die oligarchisch organisierten Funktionäre mittlerweile ganz offen mit Interessengruppen zusammen, die den Sport in ein pures Geschäft jenseits von Moral und Gesetz verwandelt haben. Dem Evangelium der Rentabilität und der Herrschaft verpflichtet, sind sämtliche Akteure des professionellen Sports längst zu Agenten oder Nutznießern einer wild wuchernden Kapitalakkumulation mutiert.

Und so ist es kein Wunder, dass das Gesetz des globalisierten Dschungels auf eine weitere mafiöse Deregulierung setzt. Und dass die Logik des Immer-mehr (an Rekorden, Zuschauern, Wettkämpfen und Profiten) in einen Wettlauf ohne Ende mündet, der mit allen möglichen kriminellen Methoden verquickt ist: (Internet-)Handel mit den einschlägigen Drogen und Dopingmitteln; Geldwäsche und Steuerhinterziehung; Ein- und Verkauf von "Muskelsklaven", organisiert von skrupellosen Menschenhändlern und eingefädelt von ehrenwerten Impresarios; Bestechung, Korruption und faule Geschäfte aller Art. Diese Art von Sport muss man uns nicht als "Pflichtprogramm" verordnen, er ist es bereits. [] (Jean-Marie Brohm)


Deutsch von Bodo Schulze Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Montpellier-III.

Dieser Text stammt aus der laufenden deutschsprachigen Ausgabe von "Le Monde diplomatique", die monatlich auf 24 Seiten über internationale Entwicklungen in Politik und Kultur berichtet.

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