Mats Wahl: "Winterbucht"

3. August 2006, 20:15
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Eine Achterbahnfahrt durch die Lebenswelten eines Jugendlichen, viele Themen, ohne überkonstruiert zu wirken

Es ist Sommer, der Wind rauscht im Schilf und in den Segeln der Schiffe, und alles könnte ganz einfach sein - wenn John-John und sein Freund Fighter nur ein Boot hätten. Wenn sie irgendwie ans andere Ufer der Winterbucht gelangen und eines der hübschen reichen Mädchen am Strand auf sich aufmerksam machen könnten. Wenn die Welt nicht so ungerecht wäre und den einen alles und den anderen nichts als einen Haufen Ärger schenken würde. Was also tun? Ein Boot klauen, das wäre ein Anfang. Ans andere Ufer paddeln und nebenbei ein kleines Mädchen vor dem Ertrinken retten - eine gute Fortsetzung. Sich in dessen wunderschöne, große Schwester verlieben - noch besser. Und anschließend bei den reichen Eltern einbrechen, um das Gefälle zwischen Arm und Reich etwas zu verringern.

Mats Wahls Jugendroman "Winterbucht" ist ein Phänomen. Selten gelingt es einem Autor, so viele unterschiedliche Themen in einem einzigen Werk anzuschneiden, ohne dass es überkonstruiert wirkt. Dies ist ein Buch über die Freundschaft. Über die Liebe. Über die ungeheuren Schwierigkeiten, erwachsen zu werden. Über die noch ungeheuerlicheren Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, wenn man eine dunkle Hautfarbe hat und in der untersten gesellschaftlichen Schicht aufwächst. Und wenn dann noch der beste Freund bei den rechtsradikalen "Werwölfen" anheuert und der verhasste Stiefvater die Schwester vögelt, ist das der Stoff, aus dem die ganz großen Dramen sind.

Mats Wahl, einer der wichtigsten schwedischen Schriftsteller der Gegenwart, hat für diesen Roman 1996 den Deutschen Jugendliteraturpreis bekommen. Auch fast zehn Jahre später hat das Buch nichts von seiner verstörenden Aktualität verloren. Es ist eine Achterbahnfahrt durch die Gefühls- und Lebenswelten eines Jugendlichen an der Schwelle zum Erwachsensein. Die Handlung überschlägt sich in immer neuen Kapriolen, und in den kurzen Ruhepausen sieht man dem Protagonisten John-John hilflos dabei zu, wie er mit einigem Pathos die erste große Liebe seines Lebens in den Sand zu setzen scheint. Sein soziales Milieu irgendwo zwischen Kleinkriminalität und Resten von Kleinbürgertum mag vielen Lesern fremd sein. Doch die Gefühle und Sehnsüchte, die ihn umtreiben, kennt jeder Mensch.

Wahl gelingt das Kunststück, John-John und die anderen Figuren seines Romans in ihrer Vielschichtigkeit zu zeigen. Dass der Autor lange als Lehrer für schwer erziehbare Jugendliche gearbeitet hat, hat ihm bei der detailgenauen Schilderung der unterschiedlichen Personen und Milieus zweifellos geholfen: Er weiß, wovon er schreibt. Und er weiß, was letztlich das Wichtigste ist: die Liebe. Manchmal trifft man sie sogar in der Winterbucht . (Antje Weber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2006)

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