Thalasso statt Tomate

7. August 2006, 17:09
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Die Insel Gran Canaria will neue Touristengruppen anlocken: Thermalbäder und heilsamer Dünensand sollen Wellnessfreunde anlocken

Ich bin eine Leiche, eine Fangoleiche - eingerieben mit moorgrünem Schlick, der sich auf meiner Haut festsaugt, bestreut mit einer dicken Schicht Salzstreusel, die ausschaut wie Staubzucker. Und als wäre das nicht schon genug, zurrt die zierliche Masseurin Ana mit erstaunlicher Kraft noch eine wärmende Hülle so fest um meinen Körper, als müsste sie mich für meine letzte Reise vorbereiten.

Bewegungsunfähig lässt sie mich Wellness-Suchende zurück. Plötzlich werde ich sehr müde, die Erlebnisse von vorhin ziehen wie im Nebel an mir vorbei. Vorhin, als ich mich im Thalassobecken des Hotels Gloria Palace Amadores in Puerto Rico auf Gran Canaria unter einen Wasserfall stellte und den Kopf dabei senkte wie ein Hund, der im Nacken gekrault werden will. Düsen, überall Düsen: Von unten kitzeln sie die Fußsohlen, in der Hüftgegend massieren sie eine ungekannte Verspannung, und ihr Geräusch erinnert doch sehr an einen blubbernden Kochtopf.

Wellness auf Gran Canaria? Klingt abwegig. Warum sich mit überwiegend älterem Publikum die Sprudel- becken teilen, wenn draußen ganzjährig 25 Grad Durchschnittstemperatur, Strand und Atlantik locken? Plus asthmatikerfreundlichen Mikroklimas, das, zumindest in Mogán im Südwesten der Insel von der Unesco mit dem Gütesiegel "weltbestes Klima" ausgezeichnet wurde.

Wellness zu machen ist komisch

Warum sollte ich im Grand Hotel Lopesan Villa del Conde, einem 1000-Betten-Palast nahe den Dünen von Maspalomas, die schön angelegte Sauna und den coolen Eispool nutzen, das träge machende Solebad und die langweiligen Regenschauerduschen? "Hier Wellness zu machen ist komisch. Ich säße lieber am Meer", sagt denn auch eine junge Frau unter ihren dunklen Locken hervor.

Seit den 70er-Jahren halten Holländer, Briten und Deutsche die drittgrößte kanarische Insel fest in ihren Händen. Doch weil seit dem Jahr 2000 besonders die deutschen Gäste mehr und mehr ausbleiben - 2004 lag der Einbruch bei fast acht Prozent - freut man sich auf der Insel über jeden zusätzlichen Besucher - nun ja, die afrikanischen Armutsflüchtlinge einmal ausgenommen. Rund 11.000 Menschen haben sich seit Anfang 2006 auf die Kanaren gerettet, so viele wie nie zuvor. Das Flüchtlingsthema brennt den Inselbewohnern so sehr unter den Nägeln, dass es in jeder Unterhaltung angesprochen wird. Darüber vergessen sie schon auch einmal andere Probleme, etwa dass die Landwirtschaft auf der kargen Vulkan- insel vielerorts aufgegeben wurde, weil drüben in Afrika Blumen oder Obst von viel billigeren Arbeitskräften geerntet werden können.

Deswegen setzt Gran Canaria so sehr auf neue Tourismuskonzepte - wie eben jetzt auf Wellness. Und so abwegig sei es auch nicht, sagen die Marketingexperten, schließlich habe Gran Canaria in diesen Dingen historische Wurzeln: Als sich Gesundheit längst noch nicht Wellness buchstabierte, sollen die ersten touristischen Besucher wegen des Thermalbads in Agaete gekommen sein. Das war 1925. Und keine vierzig Jahre später baute man in den Dünen von Maspalomas das Centro Helioterápico, dessen von Arthrose und Knochenbrüchen geplagten Besucher in den Dünensand gebuddelt wurden: der starken magnetischen Heilwirkung des Sandes wegen.

"Gran Canaria Spa & Wellness"

Heute haben sich 14 Hotels dieser Historie besonnen und in einer Initiative zusammengetan, um als "Gran Canaria Spa & Wellness" der Insel frische Touristen zuzuführen. Damit nicht jeder Hotelier einfach eine Massageliege in den Garten stellt und sich Wellness- hotel nennt, müssen verbandswillige Hotels mehrere Kriterien erfüllen, qualifizierte Fachkräfte gehören dazu und "gesundheitlich wertvolle Gerichte".

Und während man im Süden der Insel, im touristischsten Teil mit seinen vielen baulichen Verfehlungen aus den Siebzigern, vor allem auf neue Touristenströme hofft, träumt manch einer weiter nördlich, in der hübschen Hauptstadt Las Palmas de Gran Canaria, von Europa - vom Festlandeuropa wohlgemerkt. Mögen für die einen, die sich mit kleinen Fischerbooten auf die lebensgefährliche Fahrt gen Europa begeben, die Kanaren das Gelobte Land sein. Für andere liegen sie, nun ja, am "A.... von Europa".

Solch rüde Worte führt Eduardo Miranda Santana im Munde, als er in einer Kneipe im Shoppingviertel Triana vor mir auf dem Stuhl hängt, rote Flipflops an den Füßen, in den braunen Augen hockt der Schalk. Bald wird Edu 25 Jahre alt sein, und noch nie hat er sich ernsthaft Gedanken darum gemacht, wie es wohl wäre, nicht am Ende Europas zu wohnen, sondern nur ein paar hundert Seemeilen weiter, in Marokko oder Mauretanien.

Wie viele seiner Altersgenossen sei er politisch nicht sehr interessiert, gibt Wirtschaftsstudent Edu zu. Aber Europa! Hat den Klang eines Zauberwortes: "Wer einmal länger im Ausland war, will nach dem Studium weg von Gran Canaria." Er zählt seine Freunde in Großbritannien auf, in Deutschland, Italien, auf dem spanischen Festland, fast scheint es, als wolle er sein politisches Desinteresse mit seiner Kontaktfreude wieder aufwiegen. Gran Canaria, das dürfe ich nun aber nicht missverstehen, sei schon ein toller Platz zum Leben: "Das Wetter ist einfach perfekt."

Der junge Grancanario spricht aus, wogegen der gesamte Spa-Zauber hier ankämpfen muss: Jeder Tag ist einfach ein Strandtag.

Ob sich Wellness wirklich verankern lässt? Ab Oktober wird man es wissenschaftlich angehen. Gemeinsam mit der Uni will die Initi-ative herausfinden, welche Gäste denn wirklich für Wellness nach Gran Canaria reisen. (Mareike Müller, Der Standard/rondo/4/8/2006)

Info
Anreise: Ab Wien z. B. mit Austrian Airlines, ab München z. B. mit HapagFly. Unterkunft: Designhotel Seaside Palm Beach, Maspalomas
Gloria Palace Amadores, Puerto Rico Allgemeine Info: Gran Canaria
  • Presa de La Sorrueda
    www.grancanaria.com

    Presa de La Sorrueda

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