Brillenaufsatz

3. August 2006, 18:10
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Es geht nicht mehr ums Sehen, sondern ums Aussehen - Oder: Sonnenflügerl sehen einfach daneben aus

+++Pro
Von Wolfgang Weisgram

In den vergangenen Jahren hat es sich zum Leidwesen der Vernunftbegabten eingebürgert, an Dingen, die im täglichen Gebrauch stehen, nicht das je Praktische zu schätzen, sondern bloß noch das Coole. Man schätzt nicht mehr deren So-Sein, sondern deren Wie-Sein, und das ist im Grunde wohl nichts anderes als deren Wirkung aufs je andere Geschlecht. Das kann bis hin zu den Brillen gehen, die in weiten Teilen einer offenbar völlig durchgeknallten Öffentlichkeit nicht danach zu beurteilen wären, dass man mit ihnen besser sieht, sondern wie man mit ihnen besser aussieht.

Kurz und gut: Wer auf Aufriss aus ist, sollte - hört man, und man kann das glauben oder auch nicht - diese praktischen Plastikaufstecker, die platzsparenden Beschattungsanlagen für Sehhilfen meiden. Ihnen ist - lesen Sie Nebenstehendes - ein nur marginaler aphrodisierender Effekt eigen. Ja, angeblich törnen sie sogar ab. Bis zu einem gewissen Alter mag das tatsächlich störend sein. Danach aber sollte man die Kirche im Dorf lassen - und sich nicht nur den urcoolen, sondern auch den echt praktischen Dingen zuwenden.

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Contra---
Von Karl Fluch

Jeder Dioptrienotto kennt die Problematik: Wenn die Sonne scheint und man keine Kontaktlinsen mag oder verträgt, bedarf es zweier Brillen - einer zum Schauen und einer zum Gut-Ausschauen, der Sonnenbrille. Das bedeutet leider jede Menge Brillenmanagement, und ständig die Nasenfahrräder wechseln zu müssen, ist natürlich der Kühlness nicht so toll förderlich. Zwar gibt es einen Kompromiss, aber der ist faul: Es sind diese Sonnenflügerln, die meist auf Brillen montiert sind, die im letzten Jahrtausend vielleicht einmal ein bisschen modern waren.

Sie sehen auf- und runtergeklappt daneben aus. Frauen als die weniger bescheuerten Lebewesen tragen so etwas ohnehin nicht, bei Männern kommen die Plastikfalter meist im Verein mit beigen Angler-Gilets überm karierten Hemd und Herrenhandtasche daher. Es sind Relikte einer Zeit, als Models noch Mannequins oder Dressmen hießen und man mit dem Opel Kadett auf Aufriss ins "After Eight" oder ins "Jack Daniels" fuhr, dort zum Electric Light Orchestra mit dem Hemdkragen winkte und sich eine Ernte 23 in die Lungen zog. Cool war immer schon anders, ganz anders.
(Der Standard/rondo/04/08/2006)

  • Artikelbild
    foto: standard/christian fischer
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