"Pickpocket"

3. August 2006, 17:16
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Robert Bresson erzählt von den Obsessionen des Materialismus, von Sündenfall, von Hoffnung auf Erlösung

Michel, der Taschendieb, meint, er würde die Welt beherrschen, nur weil er es versteht, sich unbemerkt Objekte anzueignen, für die er dann doch keine Verwendung hat. Auf dieser Ebene erzählt Bresson von den Obsessionen des Materialismus, der im Kino nie klarer, reiner, zweckfreier und damit auch sinnloser erschien als in "Pickpocket".

Das Hand-Werk des Taschendiebstahls, immer wieder inszeniert als Ballett geschmeidiger Finger, vollzieht indes auch das Ritual einer buchstäblich verstohlenen Kontaktaufnahme, des Besitzergreifens ohne spürbare Berührung. Die physische Intensität von Bressons Bildern wäre ein vergebliches Unterfangen, hätte sie nicht ständig auch ein metaphysisches Ziel. Michels schriftliche Aufzeichnungen und seine inneren Monologe lassen bis gegen Ende des Films kaum Dialoge zu. Der Mann lebt einsam, als Fremder in der Wirklichkeit. Die vielen Ellipsen, die gleichzeitig die Geschichte fragmentieren und alles Überflüssige aus ihr verbannen, finden in den Bildern ihre Fortsetzung. Oft zeigt Bresson - meist in diagonalen Blickwinkeln - Details und löst sie als Segmente aus ihrem Kontext, als könnte er so die Sehnsucht nach Zusammenhängen wecken. Dabei gestattet er der Kamera nicht die kleinste überflüssige Bewegung.

Immer wieder verlassen Menschen den Rahmen des Bildes, und der Regisseur schneidet noch nicht sofort, um die Kamera noch einen Augenblick auf der Struktur der leeren Räume verharren zu lassen. Die vielen vertikalen Linien, die die Mehrzahl der Einstellungen prägen, evozieren ein Gefühl der Enge - deren Überwindung sich ausgerechnet im Moment der tatsächlichen Gefangenschaft andeutet. Bresson, der so kühl und karg zu inszenieren scheint, der offensichtlich nichts erörtern oder gar psychologisch erklären möchte, erzählt doch unendlich viel mehr als nur eine Story. Der Sündenfall bleibt für Bresson genauso gegenwärtig wie die Hoffnung auf Erlösung.

Michel bewegt sich durch diese Geschichte wie ein Somnambuler, der erst noch erwachen muss, um sich eines anderen, sinnvolleren Lebens bewusst zu werden. Das geschieht in der Haft, hinter Gittern, und da scheint der junge Mann die Frau, die ihn besucht, endlich mit wachen Sinnen wahrzunehmen: "Was für einen merkwürdigen Weg musste ich gehen, um zu dir zu kommen!" Peter Buchka schrieb: "Bressons Filme stärken den Mut, auf die Verwirklichung des Menschen zu wetten." (Antje Weber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.8.2006)

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    foto: sz
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