Das geschubste Frühwerk: Premiere von "La finta semplice" im Residenzhof

20. Juli 2007, 16:44
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Regisseur Joachim Schlömer gelingt es am Beginn der "Irrfahrten"-Trilogie nicht, dem Frühwerk Mozarts dauerhaft szenisches Leben einzuhauchen

Salzburg - Zu Mozarts Jugendoper La finta semplice hätte die erste der drei "Irrfahrten" unter der Leitung von Joachim Schlömer im Residenzhof führen sollen, doch: Was war das nur für eine mühsame "Irrfahrt". Musiker und Sänger stolperten durch Szene und Partitur, wie weiland die Liebenden durch die Wälder von Arden oder Athen, nachdem ein grantiger Elf sich ihnen auf die Stimme geschlagen, den Streichern das Bogenhaar zerzaust und den Hornisten die Instrumente verstopft hat.

Eine dynamisch-schlanke Talkshow-Moderatorin im gelben Trainingsanzug - die Schauspielerin Marianne Hamre in der von Schlömer eingeführten Rolle der Auctoritas - führt das Publikum durch die Handlung. Das spart Programmbuch-Blättern, Zeit und Rezitative und ist durchaus willkommen, da sie vor allem die Darsteller recht energisch auf der Bühne herum schubst.

Bleiernes Spiel

Doch alle Dynamik bricht sich an der von Schlömer bleischwer durchexerzierten Handlung (eine erfahrene Dame soll einen alten geizigen Hagestolz bezirzen, damit dieser der Heirat seiner Schwester und deren Kammerzofe nicht länger im Weg steht) und an der von Michael Hofstetter am Pult immerhin der Camerata Salzburg ebenso bleischwer abgespielten Musik.

Vom Glanz der Camerata Salzburg war an diesem Abend nicht viel übrig. Kaum ein Auftakt, der nicht gegen den Strich gebürstet wird. Keine Linie, die gestaltend abphrasiert wird. Keine Begleitung, die auch nur die Stimmung einer Arie inspirierend untermalte. Dabei hätten geraden die Damen im Ensemble nicht nur begleitende Inspiration, sondern auch kapellmeisterliche Führung dringend gebraucht:

Mit der Rosina (das ist die erfahrene Dame) der Malin Hartelius, die mit ruhig und sicher geführtem Sopran der Aufführung einige Glanzlichter aufsetzt, wäre jeder Landestheater-Produktion ein Triumph sicher. Ihre beiden jungen Kolleginnen im Soprandienst (Marina Comparato als Giacinta und Silvia Moi als Ninetta) würden bei Nicht-Festspielen gerade "durchgehen". Stärker konturiert die Männer: Matthias Klink als Don Polidoro (das ist der tölpelhafte unterdrückte Bruder des Hagestolzes) sind die stimmlich überzeugenderen Augenblicke zu danken.

Da wird von frühklassischen Emanzen bzw. Machos der Sinn der Ehe vehement infrage gestellt. Rosina, die die Vor- und Nachteile, die Annehmlichkeiten und Gefahren der Liebe in den stimmungsvollsten Arien des Werkes reflektiert, hat ein ätherisches Alter Ego in der Tänzerin Anna Tenta. Die fragilen Bilder sind durchaus reizvoll und sollen wohl die Gespaltenheit Rosinas - Liebessehnsucht und Bindungsangst - andeuten.

Witzig - und willkommene Abwechslung in Jens Kilians ausstatterischem Einerlei weißer Berufsbekleidung für Psychiatrie-Angestellte - sind die wohldosiert eingesetzten Video-Einspielungen von "fettFilm": Das Duell zwischen dem Hagestolz und einem der Verlobten ist ein Comicstrip: Pistolen, Degen, Handgranaten und Kanonen werden elektronisch fein säuberlich auf die schräge Spielfläche "gemalt" und sorgen - zum ersten und einzigen Mal an diesem Abend - für Unterhaltung.

An der weißen Anstaltskleidung der Protagonisten taucht immer mehr Rot auf: rote Schuhe hier, ein roter Gürtel da. Und Polidoro wird im Schlussbild überhaupt rot angeschmiert. Nach dieser "Irrfahrt" ist man - anstatt bei der Oper des zwölfjährigen Mozart - erst recht wieder bei der (Irr?-)Meinung herausgekommen, die Jugendwerke könne man ja doch nicht aufführen. So jedenfalls nicht. (Heidemarie Klabacher / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2006)

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    Mozart-Kampf: Matthias Klink (Don Polidoro) und Josef Wagner (Don Cassandro).

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