Öhlins Feuer gießen

4. Jänner 2007, 19:07
113 Postings

Yamaha spendiert der Presse-R1 schwedisches Gold von Öhlins - Guido Gluschitsch ist Feuer und Flamme

Jetzt ist aber Schluss. Ein für alle Mal. Da standen doch schon Postings unter den 600er Supersporteisen wie "krapfinöses Klumpat", "wann fährst einmal was Gescheites?", "die Orglerei unter einem Liter kann gar nix" und "kein Moach in den 600ern"

Nun denn, aufgemerkt: 998 ccm, 175 PS bei 12.500 Umdrehungen, 106,6 Nm und das alles noch ohne Ram-Air. Heißt, das wird bei artgerechter Bewegung noch mehr. Genau, ich hab die R1 von Yamaha ausgefasst. Gelb-schwarz. Schon am Stand unendlich gefährlich. Wir kennen ja Wespen kurz vorm stechen. An die hat sie mich erinnert, die R1. Angst einflößend. Mama, ein Pflaster, schnell.

Aber nicht. Nein. Ganz und gar nicht. Es ist nämlich so, dass sich die Damen und Herren Yamaha anscheinend zusammengesetzt und besprochen haben: "Kannst sicher sein, dass der Glu die R1 einmal fährt, da wollen wir ihm was bieten." Was die gemacht haben mit der edlen R1? Sie haben sie zu einem schwedischen Vergolder gestellt. Jaaaa! Die Test-R1 war komplett auf Öhlins umgebaut. "Öhlins? Öhlins Feuer gießen!" hat der Herr Rudolf gesagt. Und gefreut hat er sich wie ein kleines Kind. Er hat wohl schon gewusst, dass er eine Runde damit wird fahren dürfen.

Jedenfalls: Öhlins wo man hinschaut. Das ganze Fahrwerk. Alles ist ziemlich edel. Lenkungsdämpfer, eh klar, und weil man grad dabei war, aber wirklich nur deswegen, hat man die serienmäßige Anti-Hopping-Kupplung auch gleich rausgerissen und eine noch feinere eingebaut.

Ein bisserl hat mir die R1 schon leid getan, als sie mich in der Früh in die Firma bringen musste. Das Stadtgebiet ist ja nun nicht wirklich der geeignete Auslauf für die Kilo-R. Mich hat es aber gefreut. Es haben mich immer alle brav beachtet, wenn ich mit der Gelben irgendwo durchgestochen bin. Ich mag es ja, im Mittelpunkt zu stehen. Und dann muss ich doch immer über das Kopfsteinpflaster bei der Freyung fahren. Da hatte ich manchmal schon Angst, dass es mir die Plomben rausfetzt, noch bevor ich dem Fiaker demonstriert hab, dass zwei Pferde genau gar nix sind.

Mit der R1 bin ich über die Freyung geschwebt. Die R1 ist ein fliegender Teppich, mit ganz langen und weichen Fransen, aber halt befeuert wie ein Kampfjet. Aladdin wäre sicher R1 gefahren, hätte es sie schon gegeben, und die Teppichknüpfer hätten auf Geschirrhangerl umsatteln müssen. Die R1 hätte damals genau so alles in einem ganz neuen Wunderlampen-Licht erscheinen lassen, wie heute.

Jetzt kann man sich eh vorstellen, wie die erst in freier Wildbahn geht, wenn sie dir am Kopfsteinpflaster schon den Pannonia Ring imitiert. Du kennst diese aufgeschredderten Kurven, die man neuerdings extrig für die Motorradfahrer baut.

Die R1 kann man dort fast voll ums Eck lassen. Und wenn dir am Kurvenausgang doch einmal das Hinterrad gehert (Was ist das denn? Ah, gehert, jetzt hab ich’s. Stiften will’s gehen. Anm. d. Frau Lektorin) wird, weil du ein paar Hengste zu viel über die Kette stapfen lässt, dann passiert das sehr bedienungsfreundlich. Da muss man dann nicht gleich die nächste Gerade mit einer halben Packung Tschick und frischer Unterwäsche feiern, sondern fängt die Fuhre ganz edel wieder ein.

Nur, aufpassen muss man halt schon. Weil nur allzu leicht ist man viel zu schnell unterwegs. Und wer sich darum gerade nicht kümmern braucht, weil er eine deutsche Autobahn als Hauseinfahrt hat, der achte auf das Vorderrad. Weil auch senkrecht daherkommen ist verboten. Und Männchen macht die R1 ganz flott. Da braucht man keine Tricks wie Gas zu, Gas auf, oder Kupplungsspielereien. Wer sich traut, dreht einfach die rechte Hand ein wenig im Handgelenk und juchhuuuu. Schier endlose Kraft. Mehr als eine Pferdestärke pro Kilogramm Motorrad. Immerwährendes Grinsen. Nein, das Eisen wird einem so schnell nicht zu klein, wie einst die legendäre Honda Monkey.

>>>Alles drauf

Auf der Rennstrecke ist die R1 sicher die Königin. Selbst enge Kurse werden ihr keine Schwierigkeiten bereiten und sie wird da wohl nicht viel auf die 6er verlieren. Aber auf der Straße, da wird das jetzt schon eng. Nicht, dass man das Motorrad ständig am Limit bewegen müsste. Nein. Die R1 zeigt da keine Schwächen. Nur, trotzdem nicht ständig über den eigenen Limits zu fahren, ist sicher eine Herausforderung. Also da heißt es dann echt aufpassen und immer gut anziehen. Versprochen?

Gut angezogen waren sie noch nie, aber fürs Motorrad fahren entsprechend gekleidet. Hat also nicht lange gedauert, bis mir der Herr Rudolf und der Pteppic die R1 abspenstig gemacht haben. Dass ich ihnen zuvor schon über alle denkbaren elektronischen Kommunikationswege vorgeschwärmt habe, was für ein Glückspilz ich mit der R1 bin, hatte Folgen. Die beiden luden sich bei mir ein und zwangen mich zu einer Ausfahrt, bei der alles ein wenig anders laufen sollte als sonst.


Pteppic, die R1, Herr Rudolf

"Geh," sagten die beiden, "normalerweise machen ja immer wir die Fotos und du fährst. Heute machen wir es einmal anders."

Gerne habe ich die R1 nicht hergegeben, aber so war wenigstens klar, dass es verwendbare Fotos geben wird. Die beiden haben nämlich eine Gabe beim Fotografieren, das ist unglaublich. 300 Fotos. Alles drauf.

Die Straße. Der Sonnenuntergang. Der Traktor, mit dem der Bauer eine Sau am Mulder spazieren führt. Die Kapern am Straßenrand. Der Schmetterling. Aber der Glu am Eisen? (Anscheinend haben die beiden doch a bissl einen Sinn fürs Schöne... Anm. d. Frau Lektorin) Da ist einmal das Vorderrad oben, dort einmal das Heck, da einmal ein Stück vom Helm, dort eines Protektors des Handschuhs des kleinen Fingers der linken Hand. Diesmal sollte das anders sein. Und die beiden begannen sich schon um die R1 zu streiten.

Die Yamse muss sich ein wenig vorgekommen sein wie der Barhocker neben der feschen Fanni im Espresso Resi. Dort wollen auch immer alle drauf sitzen und nimmer runter. Kaum hatte ich den Schlüssel der R1 hergegeben, konnte ich mich zwei Stunden still beschäftigen. Ich hörte ein sich entfernendes Röhren – nach ein paar Minuten schoss die Yamaha wieder vorbei. Zwischendurch wechselten sich die beiden ab. Der jeweils Hinterbliebene raunzte mich voll: "Der fährt jetzt aber schon viel länger als ich. Dann darf ich wieder, gell?"

Ich stand da mit meinem Fotoapparat, fertig für die besten Fotos und hörte ganz in der Ferne, dass sich jemand mit der R1 amüsierte. Inzwischen saugte das Display der Kamera die Akkus langsam aus. Rudolf versuchte ab und zu, seiner Euphorie durch Wortspiele Ausdruck zu verleihen. Er schaute mich mit großen Augen an und sagte "Öhlins Feuer gießen!" "Das hatten wir jetzt schon hundert Mal." "Aber super ist es schon."

Keine Frage, Herr Rudolf und der Pteppic waren schwer von der Yamaha angetan. Pteppic wechselte am gleichen Tag noch seinen Job, um bei Yamaha anzufangen, und der Herr Rudolf kramt seit damals ständig in seinem Geldbörsel, zählt seine Münzen zusammen (Liebe Grüße, der braucht gar nix überlegen, soll erst mal seine Einladungen und Wiedergutmachungen bestreiten, die Pfeife! Anm. d. Frau Lektorin) und blickt manchmal auf, um zu fragen "Wieviel hast gesagt, kostet sie?" "So wie sie da steht, schätz ich einmal um die 30.000 Euro." "Verdammt!" (Text: Guido Gluschitsch, derStandard.at, 3.8.2006)

Yamaha YZF-R1 (Serie)

Preis: EUR 15.690,-

Motor: 4-Zylinder-Viertakt. Hubraum: 998 ccm. Leistung: 128,7 kW/175 PS bei 12.500 U/min. Max. Drehmoment: 106,6 Nm bei 10.500 U/min. Antrieb: Kette, 6-Gang-Getriebe. Federung: Upside-Down-Telegabel vorne, Alu-Schwinge hinten. Bremsen: Zwei Scheiben vorne, eine hinten. Sitzhöhe: 835 mm. Trockengewicht: 173 kg. Tank: 18 l. Top-Speed: über 200 km/h.

Link
Yamaha

  • Die Yamaha R1: Ein fliegender Teppich, befeuert wie ein Kampfjet, wie man sieht.
    foto: derstandard.at

    Die Yamaha R1: Ein fliegender Teppich, befeuert wie ein Kampfjet, wie man sieht.

Share if you care.