"Volver": "Im Haus haben Frauen die Macht"

3. August 2006, 18:05
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Penélope Cruz, Hauptdarstellerin in Almodóvars "Volver", anläßlich der STANDARD-Leser-Premiere im Interview

Nach zwei kleineren Rollen spielt Penélope Cruz in "Volver" erstmals einen Hauptpart in einem Film des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar. Bert Rebhandl traf die Schauspielerin zum Gespräch.


STANDARD: Frau Cruz, wie würden Sie den Grundgedanken von "Volver" beschreiben?

Penelope Cruz: Es geht um einen untergründigen Zusammenhang. Diese Dörfer in La Mancha, sie geben der Stadt einen wichtigen Rückhalt. Diese Atmosphäre hat den Film verzaubert. Pedro ist dort aufgewachsen. Er hat mir seine Heimat gezeigt. Es ist eine andere Welt – ohne Zeit.

STANDARD: Wie viel von der sozialen Realität Spaniens steckt in "Volver"?

Cruz: In vielen Dörfern sind die Frauen im Haus die Mächtigen. Das Wort und ihre Präsenz sind sehr respektiert. In den Städten haben die Frauen größere wirtschaftliche Freiheit. Pedros Mutter war eine so starke Frau wie Carmen Maura. Ich habe sie getroffen. Sie steckt tief in diesem Film.

STANDARD: Es gab aber auch filmgeschichtliche Vorbilder.

Cruz: Pedro wollte, dass ich drei Filme noch einmal sehen sollte, um mir die Energie dieser Mütter, die alle sehr starke Charaktere sind, anzueignen: Mamma Roma von Pasolini, Bellissima von Visconti und Eine Frau besiegt den Krieg von Vittorio de Sica.

STANDARD: "Volver" ist eine Geistergeschichte, die auf einen traumatischen Anfang hinausläuft. Sie spielen eine Frau, die eigentlich ein wenig älter ist, als Sie selbst. Eine Herausforderung?

Cruz: Pedro wusste, dass ich jeden Film mit ihm machen würde. Er hat mir schon vor sechs Jahren über die Tochter erzählt. Damals kam ich dafür noch in Frage. Inzwischen bin ich ein wenig älter geworden, in die Rolle der Mutter hineingewachsen. Er gab mir die Hälfte des Drehbuchs während eines Fluges zu lesen. Er saß neben mir, tat so, als schliefe er. Ich habe beim Lesen geheult.

STANDARD: Wie sind die Dreharbeiten mit ihm?

Cruz: Er arbeitet nicht langsam, er wird eigentlich immer früher fertig als geplant. Das geht aber nur, weil er so lange Vorbereitungen macht. Wir haben drei Monate geprobt und drei Monate gedreht. Ich würde gern immer so arbeiten! Er ist wie ein Maler, jedes Detail im Bild hat er bestimmt. Seine Anweisungen sind genau, er ist aber auch dankbar dafür, was die Schauspieler von sich aus machen. Manchmal ruft er am Abend noch an und schwärmt von einer Szene. Das hat mich manchmal zu Tränen gerührt, denn ich weiß, wie beschäftigt er ist – wenn ich nach Hause gehe, geht er in den Schneideraum. Wenn er etwas nicht gut findet, lässt er mich das auch wissen. Dann steht die Welt für mich still, so dramatisch nehme ich das.

STANDARD: Sie sind demnächst auch in einer Western-Komödie "Bandidas" zu sehen, zusammen mit Salma Hayek.

Cruz: Salma Hayek ist eine meiner besten Freundinnen. Als ich zum ersten Mal nach Los Angeles kam, zum Casting für Hi-Lo Country von Stephen Frears, da hat sie mich am Flughafen abgeholt, und ich habe ein paar Tage bei ihr gewohnt. Ich werde ihr das nie vergessen, denn ich kann mich noch gut erinnern, wie einsam ich mich anfangs in L.A. gefühlt habe.

STANDARD: Hollywood sucht nach Idolen für die wachsende hispanische Bevölkerung. Sie scheinen diese Rolle nur bedingt annehmen zu wollen.

Cruz: Ich versuche nicht, etwas anderes zu sein, als ich bin: eine spanische Schauspielerin, die auch in Amerika arbeitet. Ich arbeite in vielen Ländern, in vier verschiedenen Sprachen.

STANDARD: Es heißt, Sie wären durch Almodóvars Film "Fessle mich" zum Kino gekommen.

Cruz: Das stimmt. Ich sah diesen Film, als ich sechzehn Jahre alt war. Danach habe ich sofort versucht, eine Agentur zu finden, und alles darauf ausgerichtet, einmal mit Pedro arbeiten zu können. Die Agentin hat mich erst einmal weggeschickt – ich wäre zu jung. Sie wollte, dass ich eine Szene aus Casablanca spiele. Ich habe eingewandt: Warum soll ich eine Mittdreißigerin spielen? Beim zweiten Vorsprechen habe ich wieder den Part einer reifen Frau gespielt, und wieder wurde ich weggeschickt. Beim dritten Mal habe ich dann etwas improvisiert, einen Monolog über meinen Zorn und meinen Wunsch zu spielen. Ich war dann die einzige Kandidatin von 300, die sie aufnahm. Nach zwei kleineren Fernsehsachen kam dann "Jamón, Jamón".

STANDARD: Inzwischen haben Sie alle Freiheiten. Was kommt als Nächstes?

Cruz: Man kann nach Dreharbeiten ein wenig süchtig werden. Aber ich werde jetzt erst einmal ein halbes Jahr mit Volver auf Tour gehen. Mit Pedro zu reisen ist das Beste. Seine Kommentare zu all den verrückten Sachen, die wir erleben, sind unbezahlbar. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.8.2006)

Zur Person:
Penélope Cruz, 1974 in Madrid geboren, studierte Ballett, ehe sie sich der Schauspielerei zuwandte. Für Almodóvar spielte sie in "Live Flesh" und "Alles über meine Mutter".

Siehe weiters dazu:
'Ein Geist, der den Zeiten trotzt'
Filmbesprechung von Dominik Kamalzadeh
  • Eine Mutter, die ihre Pflichten ernst nimmt: Raimunda (Penélope Cruz), Heldin von Pedro Almodóvars "Volver"
    foto: tobis

    Eine Mutter, die ihre Pflichten ernst nimmt: Raimunda (Penélope Cruz), Heldin von Pedro Almodóvars "Volver"

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