"Schwerer Schlag auch auf EU-Ebene"

2. August 2006, 19:31
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EU-Gewerkschaftsbund: Bawag-Skandal "doppelt bitter" – Hoffen auf Trendwende

Brüssel - Den großen Gewerkschaften Europas laufen die Mitglieder davon, und der Altersschnitt der verbliebenen Gewerkschafter steigt dramatisch an, da es kaum mehr Nachwuchs gibt. Der deutsche Gewerkschaftsbund verlor von 1993 bis 2003 fast ein Viertel seiner Mitglieder, die französischen Arbeitnehmervertretungen haben heute etwa 20 Prozent weniger Mitglieder als noch vor zehn Jahren, in Großbritannien sind es zwölf Prozent, in Österreich 13 Prozent – allerdings noch vor dem Bawag-Desaster. Zuwachsraten in Norwegen und Finnland werden damit begründet, dass in diesen Ländern die Gewerkschaften für die Auszahlung der Arbeitslosengelder zuständig sind.

Reiner Hoffmann, Generalsekretär des Europäischen Gewerkschaftsbundes, führt diese Entwicklung im Gespräch mit dem Standard auf drei Problembereiche zurück: "Erstens haben wir keinen Draht zu jungen Menschen. Der Altersschnitt der Gewerkschaftsmitglieder liegt deutlich über jenem der Erwerbsbevölkerung. Zweitens sind die hohe Arbeitslosigkeit und die vielen atypischen Beschäftigungsverhältnisse nicht unbedingt gewerkschaftsfreundliche Rahmenbedingungen, und drittens gab es eine bedeutende Strukturänderung in der Wirtschaft: Die klassischen Branchen mit starkem gewerkschaftlichen Organisationsgrad wie Stahl oder Bergbau haben massiv an Personal abgebaut, während wir in neue Branchen wie Finanzdienstleiter oder Internet nur sehr schwer hineinkommen."

"Nicht attraktiv genug"

In Deutschland seien derzeit rund 25 Prozent der Arbeitnehmer gewerkschaftlich organisiert, in Frankreich hingegen seien es nur noch sieben bis acht Prozent. Und natürlich sei die Mitgliedschaft auch eine finanzielle Frage geworden, meint EU-Gewerkschaftsfunktionär Hoffmann. In Deutschland wie auch Österreich, wo die Beiträge etwa ein Prozent des Bruttolohns betragen, würden sich immer mehr Mitglieder die Frage stellen, was sie für die 20 bis 40 Euro bekommen, die sie monatlich zahlten. Und für die Jugend sei die Gewerkschaft heute "einfach politisch nicht mehr attraktiv genug". Die Frage des Nachwuchses sei zentral: "Wir brauchen eine Trendwende."

Die Gewerkschaften müssten den jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern "überzeugende Angebote" machen, "denn die Automatik, dass mit dem Arbeitsbeginn auch das Gewerkschafts-Beitrittsformular ausgefüllt wird, die gibt es nicht mehr".

Hier müssten die Gewerkschaften auch flexibler werden und auch den höher Qualifizierten beispielsweise im Bereich der New Economy Leistungen etwa im Bereich von neuen Arbeitszeitkonzepten anbieten. "Wir müssen flexibler werden, sonst heißt es bald, der Letzte macht das Licht aus."

"Ganz, ganz skeptisch" beurteilt Hoffmann die aktuelle Situation des ÖGB nach dem Bawag-Skandal.. "Das war ein schwerer Schlag, auch auf europäischer Ebene." Die notwendige Neupositionierung sei unter diesen Bedingungen alles andere als einfach. Österreich habe vor allem wegen der funktionierenden Sozialpartnerschaft immer als Vorbild gegolten. "Das ist jetzt natürlich doppelt bitter." Der ÖGB sei "außerordentlich reich" gewesen, nun sei es fraglich, inwieweit für einen Arbeitskampf überhaupt noch etwas da sei. In Deutschland und Österreich wären die Gewerkschaftsbeiträge ja auch deswegen deutlich höher als in Frankreich oder Großbritannien, da die Gewerkschaft bei einem Streik Lohnersatzleistungen zahlen muss. Dazu ist der ÖGB aber derzeit eher nicht in der Lage. (Michael Moravec aus Brüssel/DER STANDARD, Printausgabe, 3.8.2006)

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