Die grüne Vize-Chefin will Sohn Benjamin keinesfalls politisch vermarkten - Politisch fordert sie die Aufstockung der Studienplätze auf 300.000
STANDARD: Wo ist Ihr Kind? Und wer passt auf?
Glawischnig: Das ist eine unzulässige Frage.
STANDARD: Wie werden Sie es im Wahlkampf halten? Wird das Kind immer mit sein? Passt Ihr Mann auf? Macht ihr 50:50?
Glawischnig: Ich werde wie viele berufstätige Mütter versuchen, das mit Unterstützung der Familie auf die Reihe zu kriegen.
STANDARD: Sie haben zweieinhalb Monate Kinderpause gemacht. Ging Ihnen die Politik ab? Oder geht Sie Ihnen schon wieder auf die Nerven?
Glawischnig: Während einer solchen Pause kriegt man sehr viel weniger mit, und man kriegt die Sachen anders mit als im Alltagsgeschäft. Aber die wesentlichen Dinge gehen nicht an einem vorbei. Die Kandidatur von Westenthaler hat mich sehr beschäftigt. Auch die Aussagen danach. Man hat einfach länger Zeit nachzudenken, das wirkt dann stärker. Die Vorschläge, vor allem das Deportieren von Ausländern, sind mir emotional an die Nieren gegangen. Bei uns im Haus gibt es einen türkischen Greisler mit einer sehr netten Familie, sechs Kinder. Wenn ich mir vorstelle, die sitzen nächste Woche im Zug, wird mir schlecht. Und das nur aus der Überlegung heraus, Stimmen zu holen.
STANDARD: Sie haben sehr wohl Ihre Schwangerschaft vermarktet und für Fotos posiert, verstecken jetzt aber Ihr Kind vor der Öffentlichkeit. Wo liegt da der Unterschied?
Glawischnig: Das ist relativ einfach: Einen Bauch kann man nicht abschnallen. Ein Kind ist aber ein eigenständiges Wesen. Schwangere gehören zum Leben dazu, die gehören zur Politik dazu, die sollen sich auch nicht verstecken.
STANDARD: Da könnte man aber auch argumentieren, dass ein Kind genauso zum Leben gehört, auch zur Politik. Berufstätige Mütter mit Kindern sind Alltag.
Glawischnig: Ein Kind ist ein eigenständiges Wesen, eine Privatperson, das ist etwas ganz anderes. Das Kind soll völlig unbelastet von der Politik und der Öffentlichkeit aufwachsen.
STANDARD: Es wird also keine Fotos von Benjamin geben?
Glawischnig: Es wird sicher keine Fotos von ihm geben.
STANDARD: Gab es schon dringliche oder unsittliche Anfragen von Medien?
Glawischnig: Sehr viele sehr dringliche und unsittliche Anfragen.
STANDARD: Bei Ihnen ist auch das Aussehen ein Thema. "Bauchfrei bei der Hochzeit" wurde recht ausführlich durchgenommen.
Glawischnig: Heiraten darf ich wirklich, wie ich will. Die Medien waren nicht eingeladen. Wenn sich dann jemand aufregt, wie ich mich privat bei meiner Hochzeit anziehe, ist er wirklich selber schuld. Das ist meine Privatsache. Das muss mir gefallen und sonst niemandem. Sorry.
STANDARD: Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, sie hätten sich in nur 20 Jahren zu einer stinknormalen Partei entwickelt. Sind die Grünen eine stinknormale Partei?
Glawischnig: Was heißt stink-normal? Natürlich sind wir eine normale Partei. Aber es gibt da schon ein paar wesentliche Unterschiede. Die 10.000 Euro Apanage für Reinhart Gaugg von der FPÖ etwa. Das wäre bei uns undenkbar. Jörg Haider hat in seiner Zeit "Ich bin weg, bin wieder da" am Tag 1000 Euro Spesen verbraucht und ist mit dem Hubschrauber von Klagenfurt Süd nach Klagenfurt Nord geflogen. Wir haben zu dritt als Parteispitze eine Spesenkonto von 5000 Euro im Jahr und verbrauchen das nicht einmal. Ein weiterer Unterschied: Unsere Listen werden ausschließlich auf Versammlungen mit mehreren hundert Leuten beschlossen. Das ist ein basisdemokratischer Zug, bei anderen Parteien nach wie vor undenkbar.
STANDARD: Auf den Listenplätzen finden sich aber nur verdiente Mandatare, keine jungen, neuen Leute.
Glawischnig: In Salzburg gibt es eine Neue, in Kärnten gibt es einen Neuen.
STANDARD: Recht wenige. Habt ihr ein Nachwuchsproblem?
Glawischnig: Bei den Gemeinderäten sind schon sehr viele Junge dabei. Aber gut: Im Nationalrat könnten wir sicher eine Auffrischung vertragen.
STANDARD: Wenn die Grünen in die Regierung kämen, welches Regierungsamt würden Sie für sich reklamieren? Voriges Jahr haben Sie Ihr Interesse am Bildungsressort angemeldet.
Glawischnig: Wir haben 2002 drei Ressorts für uns vorgeschlagen: Frauen und Soziales, das Umweltministerium mit der Energiekompetenz und ein Kulturenministerium. Ich will mich da nicht in den Vordergrund drängen. Mir ist eher wichtig, dass wir bei Verhandlungen, sollte es so weit kommen, inhaltlich bei den Projekten etwas weiterbringen. 2002 mussten wir am Ende sagen, "das reicht einfach nicht, dass grüne Handschrift in einer Koalition sichtbar ist. Deswegen müssen wir jetzt aufstehen und gehen, sorry." Dass wir inhaltlich etwas umsetzen können, ist die Voraussetzung dafür, überhaupt über ein Ressort nachzudenken.
STANDARD: Das Bildungsministerium interessiert Sie nicht mehr?
Glawischnig: Aber selbstverständlich. Uns interessiert dieses Politikfeld, weil es einfach sehr wichtig ist und Bildungspolitik eine der Mega-Baustellen von Schwarz-Blau-Orange ist. Da muss ordentlich investiert werden. In aller Bescheidenheit: Die Grünen sind sicher weiter in der Zukunft angekommen als eine Bildungsministerin Gehrer.
STANDARD: Rot-Grün scheint sich aus jetziger Sicht nicht auszugehen. Mit welcher Freude oder welchen Schmerzen würden Sie in eine Koalition mit der ÖVP gehen?
Glawischnig: Inhaltlich ist das schon sehr schwierig. Einer Bildungsministerin Gehrer gegenüberzusitzen. Ich will mich nicht einmischen in Personalentscheidungen anderer Parteien, aber wenn eine Person dermaßen uninteressiert und unmotiviert ist in einem der Schlüsselbereiche der österreichischen Politik, wird es schon sehr schwierig.
STANDARD: Hängt eine Koalition auch an einzelnen Personen? An einem Wolfgang Schüssel, einer Elisabeth Gehrer, einem Karl-Heinz Grasser?
Glawischnig: Ich will auch nicht, dass uns jemand dreinredet, welche Personen bei uns was machen. Aber wenn jemand so extrem gelangweilt seinem Ressort gegenübersteht, obwohl das so viele junge Leute betrifft, tu ich mir echt schwer. Das wird sicher extrem schwer – sollte es dazu kommen. Aber es ist müßig, über Schwarz-Grün nachzudenken. Schüssel hat dreimal mit Haider eine Koalition gemacht. Er ist bereit, es jederzeit mit der extremen Rechten zu tun. Wenn es sich ausgeht, macht er es mit Strache oder Westenthaler, egal.
STANDARD: Wie hoch wäre der Leidensdruck, wenn die Grünen in der Opposition blieben?
Glawischnig: Da gibt es gar keinen Leidensdruck. Sollte sich das weder rechnerisch noch inhaltlich ausgehen, sind wir mit Lust und Freude Oppositionspartei. Überhaupt kein Problem. Um die Koalitionsfrage zu beantworten: Man kann sich auf uns inhaltlich verlassen. Wir stehen zu unseren Projekten, und wenn es die nicht gibt, gibt’s die Grünen auch nicht in einer Regierung. Regierung um jeden Preis, das wird es nicht geben, darauf kann man sich verlassen.
STANDARD: So verlässlich sind die Grünen auch wieder nicht: Alexander Van der Bellen hat einmal gemeint, die Abschaffung der Studiengebühren müsse nicht sein, auch die Stornierung des Eurofighter-Kaufs sei keine Bedingung.
Glawischnig: Eurofighter sind eine Koalitionsbedingung, sofern dieser Vertrag in irgendeiner Weise rückgängig zu machen ist, ich kenne ihn nicht.
STANDARD: Studiengebühren?
Glawischnig: Detto. Ich sage nur dazu, mit dem Ertrag der Studiengebühren alleine ist an den Universitäten noch gar nichts gerettet, da sind ganz andere Summen notwendig.
STANDARD: Wäre die Rücknahme der Studiengebühren für Sie eine Koalitionsbedingung?
Glawischnig: Absolut. Aber Koalitionsbedingungen kann ich jetzt auch nicht festlegen, das wird im Zuge von Verhandlungen von der Partei definiert. Bedingungen wird es aber geben. Die Anhebung von 200.000 Studienplätze auf 300.000 ist ein Riesenprojekt, das sehr viel Geld kosten wird, aber für die Qualität der Ausbildung und den offenen Hochschulzugang entscheidend ist.
STANDARD: Hat es bei Ihnen schon einen Punkt gegeben, wo Sie alles hinhauen wollten und sich die Frage gestellt haben: Warum habe ich nichts Anständiges gelernt?
Glawischnig: Ich muss ehrlich sagen, bei der STANDARD-Karikatur mit Ultraschall und dem Titel "Grüne Inhalte", da war mir ziemlich schlecht. Das war jenseits. Gerade in der Periode hab ich mir gedacht: Lustig ist das nicht.
STANDARD: Haben Sie ernsthaft ans Aufhören gedacht?
Glawischnig: Nein. So wie ich mich jetzt fühle, hab ich mich ganz am Anfang gefühlt. Ich freu mich auf die Auseinandersetzung im Wahlkampf. (Michael Völker/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.8.2006)
Zur Person
Eva Glawischnig (37) ist mit TV-Moderator Volker Piesczek verheiratet, im Mai bekamen sie Sohn Benjamin. Die stellvertretende Grünen-Chefin ist seit 1996 in der Politik, seit 1999 im Nationalrat.