Die Leiden der jungen Forscher

8. August 2006, 18:40
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Wissenschafter-Nachwüchsförderung wird theoretisch viel gepriesen, scheitert aber in der Praxis oft an einigen Unwägbarkeit

Wissenschafter-Nachwüchsförderung an den heimischen Universitäten wird in Theorie viel gepriesen, scheitert aber in der Praxis oft an einigen Unwägbarkeit wie der Bürokratie. Teil 1 einer Bestandsaufnahme.

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"Nachwuchsförderung ist eine Aufgabe, die gar nicht ernst genug genommen werden kann", betont Rainer Blatt, Leiter des Instituts für Quantenoptik und Quanteninformation in Innsbruck. Wer bei ihm Assistent wird, hat meist schon ein bis zwei Jahre Postdoc, wie die Zeit der wissenschaftlichen Tätigkeit nach dem Doktorat genannt wird, hinter sich.

Zur Ausbildung gehören Lehre, Diplomanden- und Dissertantenbetreuung und natürlich Forschungstätigkeit. "Meine Aufgabe ist es, junge Wissenschafter Schritt für Schritt in die Selbstständigkeit zu führen", sagt Blatt. Sein internationales Team besteht aus 25 Personen, von Diplomanden bis zu junior scientists.

Während Teamarbeit in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern längst die Norm ist, steckt sie bei den Geistes- und Sozialwissenschaften in Forschung wie Ausbildung noch in den Kinderschuhen. Die klassische Form ist hier nach wie vor die Einzelbetreuung - ein Doktorvater oder eine Doktormutter betreut einen Dissertanten.

Ab Herbst soll vorerst 50 hoch qualifizierten Doktoranden der Universität Wien das Privileg einer intensiven Betreuung zuteil werden. Fünf Gruppen mit verschiedenen Forschungsschwerpunkten werden jeweils von einem Wissenschaftlerteam begleitet. Gerade läuft die zweite Ausschreibung für diese "Initiativkollegs". "Wir wollen damit die Studenten schon in einer Frühphase der wissenschaftlichen Laufbahn in die Forschung einbinden", sagt Gabriela Fernandes, Leiterin des Bereichs Forschungsservice und Internationale Beziehungen.

Durch eine Anstellung an der Uni sollen sich die Jungwissenschafter ganz ihrer Forschung widmen können. Ähnlich funktionieren die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geförderten "Doc Teams" und die "Doktoratskollegs" des Wissenschaftsfonds (FWF).

In Österreich gibt es rund 16.000 Dissertanten, nur ein kleiner Teil ist über eine Anstellung an der Uni oder ein Stipendium finanziert. Der FWF vergab im letzten Jahr 1212 Doktoratsstipendien, etwa 60 Prozent davon für naturwissenschaftliche und nur 20 Prozent für geistes- und sozialwissenschaftliche Arbeiten. "Das liegt auch daran", erklärt FWF-Sprecher Stefan Bernhardt "dass die Naturwissenschaften eine viel stärkere Tradition im Heranholen von Drittmitteln haben. Viele Geisteswissenschafter setzen sich diesem Wettbewerb erst gar nicht aus."

Nachteile

Ein Stipendium kann allerdings auch Nachteile mit sich bringen, wenn man eine universitäre Laufbahn anstrebt: "Das Problem ist die fehlende Anbindung an die Universität", erzählt der Zeithistoriker Dirk Rupnow, der - finanziert über ein ÖAW-Stipendium - gerade seine Habilitation schreibt. Weil es an den Uni-Instituten infolge von Sparmaßnahmen keine Lehraufträge für externe Lektoren mehr gibt, wird ihm nach der Habilitation die für Bewerbungen nötige Lehrerfahrung fehlen.

Die Habilitation hat Norbert Polacek vom Biozentrum der Medizinuniversität Innsbruck bereits hinter sich. Nach seiner Postdoc-Zeit in Chicago bekam er einen Assistentenvertrag für vier Jahre in Innsbruck. Im Juni dieses Jahres wurde er mit dem START-Preis des FWF ausgezeichnet. Mit 1,2 Millionen Euro ist das der höchst dotierte Nachwuchspreis in Österreich. Polacek kann damit sechs Jahre lang mehrere Mitarbeiter in seinem Team beschäftigen.

Seine eigene Anstellung aber läuft nächstes Jahr aus und kann - laut Universitätsgesetz von 2002 - nicht verlängert werden. Es ist noch nicht klar, ob er am Biozentrum Innsbruck bleiben kann. Eine Möglichkeit wäre, sein Gehalt über den START-Preis zu finanzieren, wofür dieser eigentlich nicht vorgesehen ist. "Die Arbeit selber läuft hervorragend. Aber mit den Rahmenbedingungen bin ich nicht glücklich."

Auch der Quantenphysiker Blatt betont, dass die Befristung auf vier bzw. in Ausnahmefällen sechs Jahre ungerecht ist: "Junge Wissenschafter, die oft eine Familie haben und hart arbeiten, verdienen es nicht, dass sie unter solch unsicheren Bedingungen forschen. Ich wünsche mir hier eine flexiblere Regelung vom Gesetzgeber. Wir brauchen verlässliche Karriereperspektiven für die Jungen bei erfolgreicher Evaluation." (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 8. 2006)

  • Wer tatsächlich nach dem Studium eine Forscherkarriere einschlägt, muss mutig
sein und kann auch offenbar in unsicheren Verhältnissen leben.
    foto: der standard

    Wer tatsächlich nach dem Studium eine Forscherkarriere einschlägt, muss mutig sein und kann auch offenbar in unsicheren Verhältnissen leben.

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