Schwefel gegen Sonnenstrahlen

8. August 2006, 18:40
1 Posting

Paul Crutzen, Entdecker des Ozonlochs und Chemie-Nobelpreis­träger, glaubt zu wissen, wie sich die globale Erwärmung aufhalten lässt

Paul Crutzen, Entdecker des Ozonlochs, Chemie-Nobelpreisträger und derzeit Gastwissenschafter in Laxenburg, glaubt zu wissen, wie sich die globale Erwärmung aufhalten lässt. Er hofft, dass diese Idee nie umgesetzt werden muss, sagte er im Gespräch mit Stefan Löffler.

*****

DER STANDARD: Herr Crutzen, Sie haben einen Vorschlag, wie wir der Hitze Herr werden können.

Crutzen: Sagen wir Idee. Ob wir es machen, ist eine andere Sache. Wir sind am Anfang des Forschungsstadiums, ganz weit entfernt vom Experiment.

DER STANDARD: Sie wollen in der Stratosphäre einen Albedo-Effekt erzielen, also durch Weißfläche die Sonnenstrahlen zurück ins All reflektieren.

Crutzen: Gewissermaßen machen wir das Experiment schon, denn es gibt diesen Albedo-Effekt längst: Die Luft ist ja nicht sauber. Es schwirren Partikel in der Atmosphäre.

DER STANDARD: Luftverschmutzung wirkt abkühlend?

Crutzen: Weil die Partikel einen Teil der Sonnenstrahlung zurückstrahlen. Hier haben wir ein Dilemma, denn wenn wir die Luft sauber machen, um zu atmen - für die Pflanzen und um den sauren Regen zu vermeiden -, wird es auf der Erde wärmer. Ich will das in die Stratosphäre verlagern, nicht buchstäblich schmutzige Luft hochbringen, sondern gezielt Schwefel.

Zum Beispiel schießt man mit Kanonen Schwefelwasserstoff hoch. Durch die Oxidation entsteht dann Schwefeldioxid, das wiederum zu Schwefelsäurepartikeln oxidiert. Es gibt vielleicht billigere Methoden. Die technischen Fragen müssen durch andere behandelt werden.

DER STANDARD: Wie viel von dem Schwefeldioxid, das derzeit auf der Erdoberfläche freigesetzt wird, kommt jetzt in die Stratosphäre?

Crutzen: Das sind sehr geringe Mengen. In der oberen Troposphäre ist praktisch Schluss.

DER STANDARD: Die Idee, die Sonnenstrahlung zu reduzieren, indem man reflektierende Partikel in die Stratosphäre bringt, stammt aber nicht von Ihnen, oder?

Crutzen: Der Russe Michail Budikow war der Erste. Ich glaube, er hat Mitte der Siebzigerjahre auch schon an Schwefeldioxid gedacht. Das hat den Vorteil, dass man seine Modelle auf natürliche Art anhand von Messungen nach Vulkanausbrüchen testen kann, denn Vulkanausbrüche bringen Schwefel in die Stratosphäre. Es wäre eine schöne Sache für die Klimaforscher, wenn mal wieder ein Vulkan ausbricht ...

DER STANDARD: ... aber nicht für die Menschen ...

Crutzen: ... die direkt betroffen sind: richtig. Nach dem Ausbruch des Pinatubo 1991 bekamen wir recht gute Messwerte. Die Temperatur ging global für ein bis zwei Jahre um ein halbes Grad runter, wie man es aufgrund des zusätzlichen Schwefels erwartet hätte. Wie lange die Schwefelsäure in der Stratosphäre bleibt, kann man mit Satelliten gut verfolgen.

DER STANDARD: Weil die Satelliten selbst in der Stratosphäre kreisen?

Crutzen: Und weil es da wenig Wolken gibt. In der Troposphäre ist durch die Wolken nicht nur die Sicht gestört, sondern die Wolken nehmen auch noch die Teilchen auf.

DER STANDARD: Wann haben Sie begonnen, sich mit der technischen Manipulation des Klimas zu befassen?

Crutzen: Noch vor drei Jahren hätte ich Nein dazu gesagt, aber die jämmerlichen Resultate der bisherigen Klimapolitik haben mir Angst gemacht. Viele Länder, einschließlich Österreich, produzieren mehr CO2, als in Kioto versprochen. Bis Mitte des Jahrhunderts erwarte ich keine Erleichterung.

DER STANDARD: In den USA zeichnet sich ein Umdenken ab.

Crutzen: Ich wäre glücklich, wenn mein Experiment nie durchgeführt werden muss.

DER STANDARD: Die Politiker, die Forschungsgeld für das von Ihnen formulierte Projekt freigeben, werden es aber eher tun, um keine teuren Einschnitte im CO2-Ausstoß machen zu müssen.

Crutzen: Das ist verbrecherisch. Dagegen müssen wir uns widersetzen. Ich kämpfe für die Erforschung meiner Idee, nicht für die Umsetzung. Meine Arbeit über das Ozonloch hat mir zu denken gegeben. Dass die schlimmsten Folgen über der Antarktis stattfinden würden, also am weitesten weg davon, wo die FCKW-Gase anfallen, war völlig unerwartet.

Was tun wir, wenn die Erwärmung viel schlimmer ausfällt, als die derzeitigen Modelle vorhersagen? Es kann auch umgekehrt sein, aber wir wissen es nicht. Dar-um wäre es gut, etwas in der Hintertasche zu haben.

DER STANDARD: Sie schätzen die Kosten für die Umsetzung auf 25 bis 50 Milliarden Dollar pro Jahr.

Crutzen: Verteilt auf sieben Milliarden Menschen sind das immerhin vier bis acht Dollar pro Kopf. Wenn der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigt, gehen die Verluste in die Billionen.

DER STANDARD: Dank Ihrer Prominenz wird Ihre Idee nun stärker in der Öffentlichkeit als in den Fachkreisen diskutiert.

Crutzen: Keine Sorge, ich habe auch meine Fachkollegen erreicht. Und wir haben eine sehr sachliche Diskussion begonnen.

DER STANDARD: Trägt sie auch schon Früchte?

Crutzen: Die meisten Einwände sind von der Art: Wir wissen so wenig über Schwefel in der Stratosphäre, deshalb sollten wir es nicht machen. Aber wenn wir es erforschen, weiß man mit der Zeit mehr. Das löst man nicht auf die Schnelle, sondern wird zwanzig, dreißig Jahre dauern.

DER STANDARD: Die in der Presse zitierten Reaktionen sind ambivalent bis abweisend. Sind Sie enttäuscht?

Crutzen: Ehrlich gesagt bin ich angenehm überrascht. Ich hatte erwartet, dass ich als Verbrecher dargestellt werde. Wir sind in eine Richtung gekommen, wo man vernünftig miteinander reden kann. Ich habe ja nicht gesagt, dass wir es machen müssen. Wir müssen es eventuell machen können. Dafür müssen wir jetzt beginnen, die Nebeneffekte zu erforschen.

DER STANDARD: Ein Einwand ist, dass es nicht zu einem gleichmäßigen Temperatureffekt komme, sondern einige Regionen wärmer, andere kühler würden.

Crutzen: Unseren Berechnungen nach führt eine Verdoppelung des CO2 im Äquatorbereich zu einer Erwärmung um zwei Grad, in den Polgebieten um vier Grad oder mehr. Wenn wir aber zugleich eine Million Tonnen Schwefel in die Stratosphäre bringen, bleibt es überall beim Status quo.

Aber vielleicht ist unser Modell nicht empfindlich genug. Wenn wir später absehen, dass einige Gebiete durch den Schwefel viel mehr Niederschlag kriegen und andere viel weniger, können wir das Experiment vergessen.

DER STANDARD: Wäre das Schwefeln der Stratosphäre ein Eingriff in die Schöpfung?

Crutzen: Ich bin Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, und da habe ich diesen Einwand noch nicht gehört. Ich kann mir vorstellen, dass er kommen wird, aber das ist leicht abzuwehren, denn auf andere Weise greifen die Menschen längst enorm in die Natur ein.

DER STANDARD: Was erwarten Sie, wie es mit Ihrer Idee weitergeht?

Crutzen: Ich hoffe, dass es Forschungsthema wird, Anträge gestellt werden, Konferenzen stattfinden, dass es jedenfalls als Teil der normalen Forschung aufgegriffen wird.

DER STANDARD: Sie dürften der einzige Träger eines Chemie- oder Physik-Nobelpreises der letzten Jahrzehnte sein, der nie eine formale Ausbildung als Naturwissenschafter genossen hat.

Crutzen: Es ist eine lustige Tatsache, aber es wurde mir nie zur Last gelegt. Die Grundlagen habe ich mir auf eigene Faust angelesen, besonders Physik.

DER STANDARD: Als Sie Ihre grundlegenden Arbeiten über Ozon in der Stratosphäre schrieben, waren Sie ...

Crutzen: ... Programmierer. Als mein Chef sah, dass hinter meinen Studien etwas steckte, hat er mir mit der Zeit etwas Freiraum gegeben.

DER STANDARD: Ahnten Sie das Potenzial, das Ihr Promotionsthema hatte?

Crutzen: Ich bin da total reingestolpert, denn eigentlich sollte ich ein Modell für tropische Zyklone schreiben. Aber dann kam ein amerikanischer Gastforscher, und ich sollte für ihn Programme über stratosphärisches Ozon schreiben. Bei der Durchsicht der alten Arbeiten habe ich entdeckt, dass alle voneinander abschrieben.

Es gab keine Fragen, keine Vorstellung, dass mit dem Ozon in der Stratosphäre etwas passieren könnte.

DER STANDARD: Sie haben auch über die Folgen eines Atomkriegs geforscht.

Crutzen: Das war reiner Zufall. Als ich gefragt wurde, wie ein Atomkrieg auf das stratosphärische Ozon wirken würde, sagte ich, da geht so viel kaputt, wen kümmert da noch die Ozonschicht, ohne mich. Anscheinend haben die Leute, die ich ersatzweise vorschlug, alle abgewinkt, und die Bitte kam zu mir zurück.

Da ich über die Einwirkungen von Bränden in den Tropen auf die Atmosphäre forschte, kam ich drauf, dass in einem Atomkrieg ja enorm viel verbrennt. Zusammen mit einem US-Kollegen habe ich abgeschätzt, wie viel Ruß in die Atmosphäre käme - nämlich so viel, dass die Sonnenstrahlung komplett abgeblockt würde und weltweit ein nuklearer Winter ausbräche.

DER STANDARD: Stammt der Begriff von Ihnen?

Crutzen: Und ich glaube, das ist das wichtigste, das ich in meinem Leben geleistet habe.

DER STANDARD: Wie produktiv sind Sie noch?

Crutzen: Im Jahr schreibe ich etwa zehn Aufsätze und besuche ein paar kleinere Konferenzen.

DER STANDARD: Im Dezember werden Sie 73 Jahre alt. Aus welchem Grund ziehen Sie sich nicht zurück?

Crutzen: Das schaffe ich einfach nicht.

(DER STANDARD, Printausgabe, 2. 8. 2006)

Zur Person

Paul Crutzen (72) ist Niederländer, mit einer Finnin verheiratet, spricht zuhause Schwedisch und lebt in Mainz und San Diego. 1970 veröffentlichte Crutzen eine Arbeit zur Fähigkeit von Stickoxiden, Ozon abzubauen. Zwischen 1974 und 1980 forschte der Niederländer an verschiedenen Einrichtungen in Boulder, Colorado.

1995 erhielt er für seine Arbeiten über Ozon in der Stratosphäre den Nobelpreis für Chemie. Derzeit ist Crutzen in Österreich als Gastwissenschafter am International Institute for Advanced Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg tätig. (stlö)

  • Nobelpreisträger Paul Crutzen fürchtet, dass die Klimaerwärmung noch weitergehen könnte. "Die jämmerlichen Resultate der bisherigen Klimapolitik haben mir Angst
gemacht."
    foto: der standard/fischer

    Nobelpreisträger Paul Crutzen fürchtet, dass die Klimaerwärmung noch weitergehen könnte. "Die jämmerlichen Resultate der bisherigen Klimapolitik haben mir Angst gemacht."

Share if you care.