Dem Denken nahe kommen

8. August 2006, 18:40
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Georg Dorffner vom Wiener Formforschungszentrum im STANDARD-Interview über Kognitionswissenschaften

STANDARD: Wenn Sie mit wenigen Worten Kognitionswissenschaft erklären müssten, wie würde Ihre Definition lauten?

Dorffner: Kognitionsforschung ist im engeren Sinne der wissenschaftliche Versuch, dem Denken nahe zu kommen. Das bezieht sich auf das menschliche Handeln, wie auf Verhaltensgrundlagen. Die Kognitionswissenschaft umfasst Bereiche aus Biologie, Medizin genauso wie aus der Psychologie, Philosophie und Sprachwissenschaft.

STANDARD: Sie aber forschen am Institut für künstliche Intelligenz am Hirnforschungszentrum in Wien. Wie passt das dazu?

Dorffner: Die künstliche Intelligenz versucht das Denken in Modelle zu fassen. Es geht nicht nur um den vermenschlichten Roboter, den man aus der Sciencefiction kennt. Wir versuchen vielmehr die Informationsverarbeitung zu verstehen. Wie werden Informationen codiert? Welche Muster wenden Menschen an um Probleme zu lösen? Das dient etwa dazu Computerprogramme besser an das menschliche Verhalten anzupassen.

STANDARD: Sie haben vor zwei Jahren mit vielen Kollegen aus den verschiedenen Fachbereichen ein Konzept für die Kognitionsforschung in Österreich entwickelt. Was ist das Ziel?

Dorffner: Wie gesagt ist die Kognitionswissenschaft ein Gebiet, das sich aus Einzeldisziplinen zusammensetzt. Das Programm hatte das Ziel, der Kognitionswissenschaft eine Infrastruktur zu geben. Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung hat das Programm jedoch bislang nicht aufgenommen.

STANDARD: Ist damit die Kognitionsforschung in Österreich nicht existent?

Dorffner: Nein, das würde ich nicht sagen. Aber die Zusammenarbeit geht auf die Eigeninitiative der Wissenschafter zurück. Maßgeblich hat Franz-Markus Peschl vom Institut für Wissenschaftstheorie in Wien zur Forschungsarbeit beigetragen. Österreichs Stärken liegen in seinen exzellenten Wissenschaftern, die Schwäche in der mangelnden Koordination.

STANDARD: Reichen die Stärken aus, um im internationalen Vergleich Stand zu halten?

Dorffner: Im Vergleich mit den Vereinigten Staaten, die seit über 20 Jahren intensiv an der Kognition forschen, müssen wir jedoch noch viel aufholen. Peschl ist es aber nun gelungen, eine Kooperation zur Kognitionswissenschaft mit sechs verschiedenen europäischen Universitäten ins Leben zu rufen. Das lässt mich doch weiter hoffen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2. 8. 2006)

  • Kognitionsforscher Georg Dorffner
    foto: der standard

    Kognitionsforscher Georg Dorffner

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