Plädoyer wider den Quark

1. August 2006, 18:24
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Jordi Savall und recreation beschließen die styriarte mit Haydns "Jahreszeiten"

Graz – Mit dem frohen Ackermann und den durch bunte Fluren wallenden rotbäckigen Landmädchen mag der moderne Hörer der "Jahreszeiten" so seine Probleme haben. Und geträllerter Biedersinn wie "Heißa hoppsa", "Fleißig, fromm und sittsam rein" oder "Ei, Ei, Ei, Ei, das klingt recht fein" sorgte ja schon bei Haydn für tiefe Betrübnis, der van Swietens Text schlicht als "Quark" bezeichnete.

Dass aus diesem Topfen bekanntlich doch noch Zeitloses und Gewichtiges wurde, weist der Musik einmal mehr die Rolle einer Ehrenretterin zu. Puristen mögen es grundsätzlich für frevelhaft halten, Haydns letztes Oratorium heutzutage nicht historisch zu intonieren.

Und dass dies ausgerechnet einer tut, der in der Szene als Markenartikel für Originalklang fungiert, könnte für zusätzliche Verwirrung sorgen. Doch Jordi Savall und recreation lassen sich auf das Wagnis ein und beweisen, dass Entschlackung, Firnisentfernung und schlanker Ton auch mit modernem Instrumentarium umsetzbar sind.

Von Beginn an lässt der Spanier dieses Kaleidoskop an Wetter-, Wald- und Wiesenskizzen in bunten Farben leuchten. Mal brachial-burschikos, mal sanft und luftig spürt er diesen tonmalerischen Schilderungen nach. Selten vernimmt man das dumpfe Donnergrollen und die losbrechende Gewittermusik des Sommers so bedrohlich. Über die Naturstimmungen hinaus versteht es Savall, in den lyrischen Passagen jeglichem noch so verlockenden luftigen Zuckerwatteklang abzuschwören und einzelne Stimmen mit großer dynamischer Präsenz kontrastreich zu isolieren.

Indem er recreation gerade in den Streichern nie zu dick auftragen lässt und kleinsten Motivfiguren ihre Souveränität zubilligt, bekommt diese Lesart – historisch hin oder her – ihren zwingenden dramaturgischen Sinn. Da sieht man dem Orchester die eine oder andere Intonationsschwäche gerne nach. Eher unverzeihlich dagegen ein Hinweis im Programmheft, der aus Haydn einen Bauernsohn aus dem Burgenland macht...

Mit Cornelia Horak, Daniel Johannsen und Mathias Hausmann waren die solistischen Landleute erstklassig besetzt. Der eigentliche Protagonist dieses Abschlusskonzertes der diesjährigen steirischen Festspiele war aber der von Johannes Hiemetsberger sorgfältig einstudierte chorus sine nomine, der äußerst intonationssicher agierte und selbst in den Tutti-Stellen phonetisch bestens verständlich blieb. (Peter Stalder/DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2006)

  • C.F. Daubigny: "Ernte" (1851)
    foto: styriarte

    C.F. Daubigny: "Ernte" (1851)

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