Die blassen Sohlen der antiken Böcke: "Der Kyklop"

1. August 2006, 17:56
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Sommerlicher Nachtrag aus Carnuntum: Ein zinnoberrot gefleckter Chor von Hirten in Euripides’ unbekanntem Satyrspiel

Petronell – Satyrn, deren grob bocksbeinige Beschaffenheit sie grundsätzlich nicht zu Klettertouren über sanft abfallende Lößterrassen befähigt, sind gewiss die wunderlichsten unter lauter verwunschenen Theaterzauberwesen, wie sie die großen Alten (Aischylos, Sophokles, Euripides) ersonnen haben.

In Petronell-Carnuntum, in dessen Freiluftarena der große Impresario Piero Bordin eine burleske Theatertruppe aus Rom/Syrakus mit der Aufführung von Euripides’ unbekanntem Satyrspiel "Der Kyklop" beauftragt hatte, schlich eine zehnköpfige Schar auf leisen, nackten Sohlen eine Hügellehne herab: ein zinnoberrot gefleckter Chor von Hirten, der, vom menschenfressenden Zyklopen seiner kultischen Bestimmung entfremdet, Schafe hüten muss und der nächsten Weinberauschung nachvollziehbar sehnsüchtig entgegendämmert.

Mochte mit Odysseus’ Ankunft (Vincenzo Pirrotta) der attische Zauber fürs Erste zerstoben gewesen sein: In Carnuntum wird Jahr für Jahr die Nabelschnur, die uns mit dem Ursprung verbindet, frisch durchblutet. Der Kyklop? Schien von einer Vasenmalerei herabgestiegen. Vor- und nachher wurden archaiische Schmalzbrote gereicht. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2006)

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    foto: barbara palffy
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