Pimp my Lebensgefährt

31. Juli 2006, 19:16
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Bis heute sollte der Sender nicht nur die kommerzielle Seite der Popmusik entscheidend beeinflussen, er hat auch unser Bild von der Wirklichkeit nachhaltig verändert

Am 1. August 1981, ging in den USA erstmals der Musiksender MTV auf Sendung. Bis heute sollte er nicht nur die kommerzielle Seite der Popmusik entscheidend beeinflussen, er hat auch unser Bild von der Wirklichkeit nachhaltig verändert.

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Wien - Zumindest daheim im Mutterland USA wird der heutige Jubeltag vom Sender selbst weit gehend verschwiegen werden. Business as usual. Wenn der durchschnittliche Konsument der mittlerweile längst global agierenden Mutter des Musikfernsehens, MTV, laut Statistik derzeit 25 Jahre alt ist und zum Sendestart noch nicht einmal geboren war, macht es wenig Sinn, sich auf welkenden Lorbeeren auszuruhen. Die Erinnerung an die eigene Jugend ist ein Geschäft, das erst bei gut doppelt so alten Konsumenten greift.

Video Killed The Radio Star"

Als am 1. August 1981 MTV mit dem programmatischen Buggles-Video "Video Killed The Radio Star" vorerst noch als Bezahlsender auf Sendung ging, mochten auch nur ausgewiesene Kulturpessimisten daran denken, dass fortan nichts mehr in unserer Wahrnehmung so bleiben sollte, wie es einmal gewesen war. Zwar produzierten visionäre Künstler schon vorher Videoclips zur Unterstützung ihrer jeweils aktuellen Produkte. Gerade auch zeit ihrer Karriere immer auch kommerziell wache Avantgardisten wie David Bowie machten sich schon vor MTV Gedanken darüber, warum es nicht unbedingt notwendig sei, sich auf endlose Werbetourneen für aktuelle Produkte rund um den Globus zu begeben. Man konnte ja eigentlich statt sinnloser Playback-Auftritte in sinnlosen TV-Shows auch Videobänder verschicken, über die man obendrein die künstlerische Endkontrolle behielt. Man erinnere sich nur an Bowies Maßstäbe setzendes Video zu Ashes To Ashes von 1980 und zig andere, bis in die 60er-Jahre zurückreichende Beispiele ...

"Beat it", "Thriller"

1983, schon zwei Jahre später aber, als mit Michael Jacksons Video zu Beat It und dem 14-minütigen Zombie-Video zu Thriller reichlich verspätet der erste schwarze Künstler in diesem 24-Stunden-Kanal zur audiovisuellen Beschallung der Jugendzimmer auf Sendung ging und damit eine beispielslose und heute unwiderbringliche Weltkarriere einläutete, war klar, wie schnell hier ein Medium in der allgemeinen kulturellen Wahrnehmung Fuß gefasst hatte. In seiner nun folgenden Glanzzeit sollte MTV mit seinem ständigen Streben nach zumindest audiovisueller Innovation zu dem entscheidenden Leitmedium einer westlich geprägten Weltkultur werden.

Schnelle Schnitte und schnelles Geld

Mit legendären Videoclips wie Peter Gabriels Sledgehammer - ab 1984 mit Like A Virgin auch mit der erst durch MTV möglichen Erfolgsstory von Madonna und ihren visuellen "Tabubrüchen"- oder bald auch mit den Sender selbst auf die Schaufel nehmenden Persiflagen wie der von MTV selbst groß gemachten MTV-Persiflage Money For Nothing der Dire Straits, erfolgte zur definitorischen Hochzeit des Senders bald ein Kurzschluss im Genre der Musikproduzierenden. Schnelle Schnitte in den Clips waren immer gleichgestellt mit schnellem Geld.

Abgesehen davon, dass hier bald von mit der Geschichte des Films und seiner Avantgarden bestens vertrauten jungen Regisseuren im Dreieinhalb-Minuten-Format innerhalb weniger Jahre grundsätzlich alles auf den Kopf gestellt und weiter Richtung Futurismus getrieben werden sollte, für das intellektuelle Vorläufer mehrere Jahrzehnte gebraucht hatten:

Die Videoproduktionen zwischen dekadenten Yachting- und High-Society-Ausflügen von heute eher vergessenen Bands wie Duran Duran und computeranimierten Vorstudien für zur Gänze ohne Schauspieler oder Darsteller auskommende Cyperspace-Programmier-Späßchen wurden immer teurer. Bis herauf zum mit sieben Millionen US-Dollar teuersten Video aller Zeiten, Michael Jacksons Scream von 1995, erlebte das Genre nicht nur eine (kreative) Hochblüte. Viele der aus der Werbefilmbranche kommenden Regisseure gingen von der Produktion von Videoclips weg - auch bald in Richtung Hollywood.

Popcorn-Action

Als ein Beispiel unter vielen sei etwa David Fincher erwähnt, der vor Fight Cluboder Alien 3 unter anderem für Madonna oder Aerosmith arbeitete. Videoclip-Macher veränderten vor allem im Bereich jugendaffiner Popcorn-Action-Movies unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit nachhaltig.

Heute verweisen beide Genres über die Hilfsbrücke des Filmtitel-Songs und dessen unterstützendes Werbeformat auf MTV und in unzähligen anderen Musikfernsehen-Formaten wild hin und quer.

Dass wegen einer Übersättigung bezüglich der Bilder zur Musik einerseits und andererseits auch wegen des Zusammenbruchs der CD-Käufe über Downloads heute MTV längst nicht mehr ausschließlich Musik sendet, sondern nur mehr nebenher, bestätigten neben der bis heute ihre verstörenden "Wahrhaftigkeits"-Spuren am virtuellen Lagerfeuer ziehenden Serie Unpluggedauch andere Erfindungen des Senders.

Reflexive Ebene

1994 wurde mit The Real World Reality-TV gestartet und mit Beavis &Butthead eine, wenn auch tiefe Form von reflexiver Ebene bezüglich des Mediums selbst eingeführt. 2000 folgten Jackassund Schmerz-TV. Ein Fach, in das auch The Osbournes fallen, die bis hin zu Die Lugners heruntergesetzte Geschmacksgrenze, wenn es darum geht, dekadente Promis beim so genannten Leben zu beobachten. Der Rest erschließt sich über die Bewerbung von Klingeltönen, über Dating- und Pimp-my-Lebensgefährt-Shows. Oder über das Betrachten von reichen Schnepfen im ungewohnten Alltag: Dismissed, Newlyweds, Laguna Beach.

Wer heute tatsächlich Musik betrachten will, ist online längst besser bedient. cliptip.blogspot.com und vor allem youtube.coms orgen für jene auch historische Sichtung des Musikfernsehens, die Mutter MTV selbst immer schon verweigerte. (Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 1.8.2006)

  • 25 Jahre MTV: The Buggles mit "Video killed the Radio Star" 1981
    foto: mtv

    25 Jahre MTV: The Buggles mit "Video killed the Radio Star" 1981

  • Beavis & Butthead 1994
    foto: mtv

    Beavis & Butthead 1994

  • Madonna 2003 im Clinch mit Britney Spears.
    foto: mtv

    Madonna 2003 im Clinch mit Britney Spears.

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