George Bernanos' Bekehrung

1. August 2006, 18:56
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Ein französischer Autor, auf Mallorca zum Zeugen faschistischer Gräueltaten geworden, wurde von seinen Sympathien für Franco geheilt

Nur die wenigsten Besucher der Ferieninsel Mallorca ahnen, welche Exzesse faschistischen Terrors dort vor siebzig Jahren stattgefunden haben. Ein linker Sympathien völlig unverdächtiger Zeuge dieses Geschehens war der französische Schriftsteller Georges Bernanos, der aus Ablehnung des Linkstrends in der Politik seines Landes dieses 1934 verlassen und auf die Insel übersiedelt war. Bernanos war erzkatholisch, wollte Frankreich wieder als Monarchie sehen und sympathisierte mit der präfaschistischen "Action Française". Auf Mallorca lebte Bernanos im Haus eines falangistischen Marquis.

Die größte der Baleareninseln war - zum Unterschied von Menorca - gleich zu Beginn des Bürgerkriegs in die Hände der Aufständischen gefallen. Am 16. August 1936 landete an der Ostküste ein katalanisches Expeditionskorps, das versuchte, Mallorca wieder der Republik zu unterstellen. Dies wurde mit kräftiger italienischer Hilfe von den Aufständischen vereitelt. Wem es von den Milizionären nicht gelang, flüchtend die eigenen Schiffe zu erreichen, der wurde umgebracht.

Falscher Graf Rossi

Das aber war erst der Anfang der Gräuel, denen mehrere tausend Bewohner von Mallorca zum Opfer fielen. Die Insel wurde von den Rebellengenerälen den Italienern überlassen. Deren Befehlshaber war ein Faschist namens Arconovaldo Bonaccorsi, der sich "Conte Aldo Rossi"titulieren ließ. Er war kein Graf, sondern ein Beamter, ein fanatischer Faschist, dazu ausersehen, die Insel wie eine Kolonie zu beherrschen. "Rossi"nutzte die unumschränkte Macht, die ihm gegeben worden war, die Mallorquiner "den wahren Faschismus"zu lehren - nämlich durch schrankenlosen Terror.

In einem faschistischen Schwarzhemd mit einem weißen Kreuz fuhr er in seinem Sportwagen durch die Inselorte, begleitet von einer Leibgarde schwer bewaffneter junger Männer - Killern der Falange, die "Rossi"unterstellt worden war und aus der wohl auch die Denunzianten kamen, auf deren Hinweis die Opfer - Männer und Frauen - ausgesucht wurden. In den meisten Fällen waren es Arbeiter oder kleine Bauern, über die für tatsächliche oder nur vermutete Sympathien für die Republik ohne Urteil die Todesstrafe verhängt wurde.

Tagsüber fuhr "Rossi"durch die Orte, um dort, begleitet vom Bürgermeister und vom Pfarrer, den Kreuzzug gegen die Roten zu predigen. Abend für Abend wurden in den Dörfern und Vororten um Palma Menschen ausgehoben und auf Lastautos über Feldwege zur Hinrichtung gebracht. "Die Leichen werden zu einem Abhang geschleppt, wo der Totengräber sie am nächsten Tag finden wird , um den Hals ein Kissen aus geronnenem Blut. Ich rede vom Totengräber, denn immer achten sie darauf, dass das, was sie tun, nahe bei einem Kirchhof geschieht. Und der Bürgermeister wird dann in die Bücher schreiben: ,Soundso starb an zerebralem Blutandrang...'"

So schilderte Bernanos in seinem erschütternden Buch "Die großen Friedhöfe unter dem Mond", was er auf Mallorca erlebte. "Die erste Phase der Hinrichtungen dauerte vier Monate. Während dieser vier Monate saß der Fremde, der für sie verantwortlich war, während des Gottesdienstes immer auf dem Ehrenplatz. Er wurde von einem Kaplan begleitet, der Stiefel und Breeches trug, ein weißes Kreuz auf der Brust und einen Pistolengürtel... Niemand konnte in Zweifel bleiben über die uneingeschränkte Macht des italienischen Generals. Ich kenne einen armen Priester, der ihn auf Knien um das Leben von drei jungen weiblichen Gefangenen aus Mexiko bat. Er hatte ihre Beichten gehört und hielt sie für anständige Menschen. 'Nun gut', sagte der General, der gerade schlafen ging, 'ich werde das mit meinem Kissen besprechen.'Am nächsten Tag befahl er, die drei Frauen zu töten."

Zweifel an der Kirche

Georges Bernanos war von dem, was sich vor seinen Augen auf Mallorca abspielte, von seinen Sympathien für den Faschismus und Francos Aufstand gründlich geheilt. Er war fortan entschiedener Feind aller autoritären und diktatorischen Regime. Die Gräuel von Mallorca ließen ihn auch an einer Kirche zweifeln, die den Terror als gottgefällig ausgaben und die Waffen der Mörder segneten. Die "Gehorsamspflicht"gläubiger Katholiken gegenüber dem Klerus, das war fortan seine Überzeugung, dürfe niemals über die Gebote der Menschlichkeit gestellt werden. (Manfred Scheuch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 8. 2006)

Teil 12 der Serie "Der Spanische Bürgerkrieg" von Manfred Scheuch
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    Georges Bernanos (1888-1948), aus Spanien stammender französischer Schriftsteller, beschrieb nächtliche Hinrichtungen auf Mallorca.

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