Hightechbanditen überraschten Polizei und Unternehmen

17. Oktober 2006, 21:32
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Tausende möglicherweise kopierte Bankomatkarten mussten gesperrt werden - Mindestens 10.000 Euro Schaden

Besonders bitter traf die Erkenntnis, Verbrechensopfer geworden zu sein, jene die gerade auf Urlaub waren. Denn wer sich im Ferienort Bargeld aus dem Automaten ziehen oder seine Hotelrechnung mit Karte und Code bezahlen wollte, erlebte eine unangenehme Überraschung - die Bankomatkarte war gesperrt, das Plastikgeld wertlos geworden. Statt "bankomatisch"zahlen zu können, wie es die Werbespots versprechen, musste man die Kreditkarte zücken oder sich Bargeld von zu Hause schicken lassen.

Schuld an der monetären Schwierigkeit: Eine Bande von Hightechbanditen, die mindestens vier Bankomatkassen in Kärnten, Salzburg und Oberösterreich manipuliert hat und so Duplikate der Plastikkarten samt dazugehörigen PIN-Codes bekam. Rund 4100 österreichische Karten wurden mittlerweile von Europay gesperrt.

Geklonte Karten

In 300 Fällen wurden die geklonten Karten auch benutzt, ist man sich bei dem Gemeinschaftsunternehmen der Banken, das für den kartenlosen Zahlungsverkehr zuständig ist, sicher. Rund 10.000 Euro wurden abgehoben, vorwiegend in Südfrankreich. In Österreich ist eine Behebung mit duplizierten österreichischen Karten nämlich nicht möglich.

Michael H., Unternehmensberater aus Wels, ist einer der Betroffenen. "Ich wurde am Freitag von meiner Bank angerufen, dass meine Karte gelöscht worden ist. In zwei Wochen soll dann die neue kommen, hieß es."In welchem Geschäft seine Karte kopiert worden ist, wollte man ihm aber weder bei der Bank noch bei Europay sagen. "Ich würde schon gerne genau wissen, wo die Sicherheitsmaßnahmen so schlecht sind", ist der 32-Jährige verärgert.

Kaum zu entdecken

Laut Bundeskriminalamt ist die Malversation aber nicht nur für den Kunden, sondern auch für den Geschäftsbesitzer kaum zu entdecken - betrifft sie doch das Innenleben des Gerätes. "Nach unseren Erkenntnissen wird zum Beispiel in eine Tankstelle eingebrochen und dort zur Ablenkung einige Stangen Zigaretten gestohlen. Gleichzeitig wird in die Bankomatkasse ein Chip eingebaut, der die auf dem Magnetstreifen gespeicherten Daten ausliest und die eingegeben PIN speichert", erläutert BK-Pressesprecher Gerald Hestzera. Einige Wochen später wird neuerlich eingebrochen, diesmal der Chip wieder mitgenommen. Aus den darauf gespeicherten Daten können dann die Duplikate angefertigt werden.

Ein Modus operandi, der in Nachbarländen schon länger bekannt ist - dass er jetzt nach Österreich kommt sei ungewöhnlich, zeigen sich die Kriminalisten etwas überrascht. Man habe Kontakt mit den französischen Behörden aufgenommen, ob die Täter noch in Österreich seien, wagt Hesztera nicht einzuschätzen.

Europay: "Kein Schaden für die Kunden"

Ganz neu ist der Trick auch hier nicht. Erst im Jänner war eine fünf Mann starke Gruppe in Oberösterreich erwischt worden, die eine Spur von Schweden bis Spanien gezogen hatte. Dass die Sicherheit vernachlässigt worden sei, will man bei Europay aber nicht gelten lassen. "Für die Kunden entsteht kein Schaden", beteuert Sandra Pinterich von der PR-Abteilung. "Fehlbuchungen werden selbstverständlich erstattet und in den Einzelfällen, in denen Eilüberweisungen in den Ferienort nötig waren, kommen wir für die Spesen auf".

Die Manipulationsfälle im Ausland haben aber offenbar nicht die Alarmglocken schrillen lassen, Warninformationen an die Handelspartner mit Bankomatkassen seien "bisher nicht erfolgt". Auch verbesserten technischen Schutz gegen die Manipulationen will man sich erst jetzt überlegen. Gleichzeitig betont man aber, dass das Risiko minimal sei: "Man darf nicht vergessen, das 6,7 Millionen Karten im Umlauf sind, von denen jetzt 4100 gesperrt werden mussten." (Michael Möseneder/DER STANDARD-Printausgabe, 01.08.2006)

  • Ein zusätzlicher Chip und schon konnten Daten ausgelesen werden.
    foto: europay

    Ein zusätzlicher Chip und schon konnten Daten ausgelesen werden.

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