Comics für die Wissenschaft

8. August 2006, 20:12
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Komplexe wissenschaft­liche Inhalte verständ­lich zu machen stellt viele Forscher vor eine kommunikative Hürde - nun wird erstmals der Weg über Comics eingeschlagen

Mannheim - Wissenschaftliche Journale produzieren ohne Unterlass. Doch die Sprache in den Artikeln versteht nicht jeder: ein Fachchinesisch, sodass selbst Experten aus dem jeweiligen Fachgebiet oft Verständnisprobleme haben. Neue Erkenntnisse Studierenden oder der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen, wird dadurch erschwert. Die Verhaltensbiologen Carles Sanchis-Segura und Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit im deutschen Mannheim waren sich dieses Problems bewusst und haben für ihren Übersichtsartikel im Suchtforschungsbereich im renommierten Fachblatt Addiction Biologyerstmals Comics verwendet, um Sachverhalte auf einfache Weise zu demonstrieren.

Anhand von acht Bildergeschichten geben sie einen Überblick über die derzeitigen Methoden in der Alkoholforschung und wie sich Abhängigkeit entwickeln kann. "Wissenschafter sind gefordert, sich mehr und mehr an die Öffentlichkeit zu wenden", erklärt Spanagel. "Und auch der Geldgeber möchte, dass die Wissenschafter ins öffentliche Leben hinein kommunizieren."Umgesetzt haben die Forscher ihr Vorhaben mit dem Schweizer Comiczeichner Walter Hollenstein.

Selbsterklärend

Wichtig war, dass die Comics auch ohne begleitenden Text selbsterklärend sind. "Sie können die Methoden wirklich ohne weiteren Text erklären", freut sich Spanagel. Beispiel: Das "Reinstatement-Modell"misst in der Alkoholforschung das Sucht- und Rückfallverhalten, indem es Mäusen zunächst freizügig den Zugang zu Alkohol verschafft, sie dann auf Entzug setzt und anschließend mit einer winzigen Menge Alkohols wieder süchtig macht.

Die wissenschaftliche Beschreibung im Artikel liest sich quälend: "Das Tiermodell der Wahl, wenn es um die Untersuchung von Craving geht, ist das so genannte Reinstatement-Modell. Eine initiale Drogen-Injektion, das priming, setzt das Suchtverhalten von zuvor operant-konditionierten Ratten nach einer Extinktionsphase erneut in Gang, ohne dass die Tiere jedoch eine Belohnung in Form einer reaktionskontingenten Drogendosis erhalten. Dabei können zum Beispiel konditionierte Stimuli wie Geruchsstoffe, Töne oder Lichtsignale, die zuvor mit der Drogengabe assoziiert wurden, als Auslöser fungieren."

Einfacher geht es im Comic zu: Die Maus kommt in den Raum, der nach Orange duftet, betätigt einen Hebel und erhält Alkohol. Am nächsten Tag riecht es nach Erdbeere. Der Hebel für den Alkoholausschank funktioniert nicht. Stattdessen erhält die Maus mit dem Hebel gegenüber Wasser. Daraus lernt die Maus: Orangenduft bringt Alkohol, Erdbeerduft Wasser.

Im Comic lassen sich im Gegensatz zu Zeichnungen und Text emotionale Komponenten unterbringen, die beim Leser einfache Assoziationen schaffen und Inhalte leichter lernbar machen. Die beiden Forscher wünschen sich daher, dass auch in Lehrbüchern Comics Barrieren abbauen helfen. Grenzen sieht Spanagel nicht: "Ich bin der Überzeugung, dass man mit einiger Überlegung selbst die kompliziertesten - auch physikalischen Dinge - mit einem Comic umsetzen kann." (Andreas Grote/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 8. 2006)

  • Die Comics des Schweizers Walter Hollenstein funktionieren textfrei.
    foto: addiction biology

    Die Comics des Schweizers Walter Hollenstein funktionieren textfrei.

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