"Ich bin meine Geschichte!"

31. Juli 2006, 18:43
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Das französische Straßenkunstprojekt "KompleXKapharnaüM" galt schon im Vorfeld von "La Strada" als eines der Höhepunkte des Grazer Festivals

Graz – Die Reininghausgründe im Westen von Graz tragen die stillen Züge einer Geisterstadt: Auf dem Gelände der früheren Brauerei und Landwirtschaftsbetriebe der Brüder Reininghaus erinnern nur noch leere Gebäude und weite Wiesenflächen an die einst pulsierende Produktion.

Es gibt Pläne, die dieses industriearchäologische Areal in einen neuen, eigenen Stadtbezirk von Graz umwandeln wollen. Doch noch befinden sich die rund 525.000 Quadratmeter im Dornröschenschlaf. Eine Ruhephase, die allerdings ab heute, Dienstag, bis Donnerstag für drei Abende unterbrochen wird. Das französische Straßenkunstprojekt KompleXKapharnaüM zeigt hier, an der Rückseite eines verfallen Wirtschaftsgebäudes seine urbane Intervention "Play Rec", die schon jetzt als einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals für Straßen- und Figurentheater La Strada gehandelt wird.

Das audio-visuelle Spektakel war auch bei Festivals in Spanien (Valladolid) und Frankreich (Amiens und Saône) zu Gast. Doch in keiner Stadt ist diese Produktion gleich, jedes Mal entsteht eine völlig neue Geschichte, die eng mit dem Ort des Geschehens verknüpft ist. Ein Jahr lang kam die Gruppe immer wieder wochenlang nach Graz, um zu recherchieren, wodurch eine eigene, sich bis zuletzt verändernde Geschichte zwischen Dokumentation und Fiktion entstand. Und genau das ist der rote Faden von "Play Rec": Das Auffinden, Montieren und Reproduzieren von Geschichte.

"Der Satz ‚Ich bin meine Geschichte´ vom Wim Wenders begleitet uns bei unsere Arbeit", erzählt Regisseur Pierre Duforeau, der gemeinsam mit Stéphane Bonnard 1995 das Kollektiv gründete. Im ersten Teil des Abends werden Videos von Interviews mit Menschen, die einst für die Brauerei arbeiteten oder in dieser Gegend aufgewachsen sind, gezeigt.

"Die offiziellen Kontakte, die wir vom Unternehmen bekamen, waren uns dabei nicht genug". Also suchte man seine eigenen Interviewpartner über Plakate, die rund um das Gelände affichiert wurden oder einfach, indem man von Haus zu Haus ging und klingelte. "Bei uns besteht einfach die Lust, Menschen kennen zu lernen und in eine Stadt wirklich einzutauchen", erklärt Duforeau.

Die dokumentarisch wirkenden Interviews sind aber nur ein Teil von vielen parallel ablaufenden Szenen aus projizierten Bildern, Musik und Sprache, aus denen sich das Publikum wiederum seine jeweils eigene Geschichte zusammenbaut. Auch Fundstücke wie alte Geräte oder Brauerei-Logos werden in die Installationen und Bilder eingebaut.

"Wir nehmen uns einzelne Sätze und Worte aus den Interviews, dann Teile, die wir hier gefunden haben, und bauen alles wie Archäologen zusammen". Im zweiten Teil des Abends reiben sich diese Teile dann auch mitunter an den fiktiven und autobiografischen Texten Bonnards.

Kreatives Chaos

Das ganze Gelände wirkt ein bisschen chaotisch, aber dieses kreative Chaos hat bei Duforeau und Bonnard durchaus Methode. Die Ähnlichkeit ihres Namens mit dem französischen "capharnaüm" für Rumpelkammer dürfte kein Zufall sein. "Es gibt Leute, die arbeiten auf einem aufgeräumten Schreibtisch, andere haben gerne überall Zetteln, weil sie sonst nichts finden", erläutert Duforeau das Setting, das vom Publikum auch manchmal als verwirrend empfunden werden könne.

Das Konstruieren von Geschichte versteht die Künstlergruppe aber nicht nur als posthumes Herumdoktern an der Vergangenheit, sondern auch als Gestalten der eigenen Gegenwart. Deswegen wird im zweiten Teil des Abends Aufbruchstimmung vermittelt: "Den Leute wird gesagt, dass ihre Zukunft ihnen gehört und sie sich nichts aufzwingen lassen müssen". Dieser Aufruf sei "vielleicht auch ein bisschen naiv, aber Naivität ist eine Flucht vor Ironie und Zynismus".

Lange vor Wenders sagte Marx, dass sich der Mensch seine Geschichte selbst mache – ob man die Botschaft von KompleXKapharnaüM so verstehen könne? "Ja, aber es gibt einen Unterschied zwischen den Generationen, wie sie damit umgehen. Diese großen Gruppen, wie die Arbeiterschaft oder die Anhänger einer Ideologie, gibt es für Leute, die wie ich Mitte 30 sind, nicht mehr. Es gibt fast nur mehr individualistische Zugänge".

Dass die jüngere Generation trotzdem in der Lage ist, "Geschichte selbst machen", wurde für Duforeau jüngst in Paris bewiesen, als im Frühling Massenproteste die Aufhebung des CPE (Vertrag zur Ersteinstellung) bewirkten. "Da haben sich verschiedenste Gesellschaftsschichten gegen eine Sache, für einen Moment punktuell formiert. Aber dann zerfiel die Bewegung genauso schnell wieder, denn niemand konnte sich den Erfolg alleine auf seine Fahnen heften". Der Rest ist Geschichte. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2006)

  • "Wir kommunizieren schneller über Bilder als über Sprache", glaubt Regisseur Pierre Duforeau von KompleXKapharnaüM. Premiere der urbanen Intervention "Play Rec" am Dienstag (1.8.) beim Festival in Graz.
    foto: la strada/komplexkapharnaüm

    "Wir kommunizieren schneller über Bilder als über Sprache", glaubt Regisseur Pierre Duforeau von KompleXKapharnaüM. Premiere der urbanen Intervention "Play Rec" am Dienstag (1.8.) beim Festival in Graz.

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