Süffisanter Chunking-Tanz

31. Juli 2006, 18:06
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Bilder wider die normierte Welt bei Jonathan Burrows’ und Matteo Fargion, bei Grace Ellen Barkey und bei Chris Haring

Wien – In der zeitgenössischen Choreografie wird seit einiger Zeit eine unterminierende Komik entdeckt und auf die Weichteile einer zunehmend unheimlichen Gegenwart losgelassen: etwa auch bei Jonathan Burrows’ und Matteo Fargions Protoslapstick "The Quiet Dance", bei Grace Ellen Barkeys Groteskparty "Chunking" und in Chris Harings süffisantem Duett "running sushi", die sämtlich bei "ImPulsTanz" zu sehen waren oder sind. Produktionen, in denen die mehr oder weniger feinen Klingen eines rasiermesserscharfen Humors aufblitzen.

In "running sushi" führen ein Mann und eine Frau, ebenbürtig brillant getanzt und gespielt von Stephanie Cumming und Johnny Schoofs, katastrophische Phänomene praktischen Paarverhaltens vor. Aber nicht etwa mit psychologisierender Attitüde, sondern als Spiel mit mediengenerierten Verhaltensmustern, die dekonstruiert und absichtlich verkehrt oder bruchstückhaft wieder zusammengeklebt werden.

So signalisiert dieses Stück, dass es unter den Oberflächen der Zeichenwelt unseres Technopols noch bessere Denk- und Darstellungsmöglichkeiten gibt als die handelsüblichen, wo sämtliche Paar(ungs)spiele vorgeformt, aufbereitet und in der Konsumenten Werkzeugkoffer – zur Nachahmung in der realen Alltagsbewältigung – einsortiert werden. Unter Chris Harings Anleitung entwickeln die Tänzer Cumming und Schoofs mit unglaublichem Witz schrecklich groteske Szenen einer Zweisamkeit, die durch stupende Präzision und darstellerische Präsenz wie eine Science-fiction-Comedy wirken.

Bilderpornowelt

Ernstlich in vorderen Gründen nach Großem schürfende Sinnsucher verzweifeln auch an Grace Ellen Barkeys Wunderwerk "Chunking". Hier wird ebenfalls eine Welt geöffnet, die unsere Bilderpornowirklichkeit unverblümt auf die Schaufel nimmt. Dem Publikum wird unterstellt, dass es über den Ernst der gesamten Lebenslage schon Bescheid weiß. Diesem Wissen stellt Barkey eine Utopie stilisiert animalischer Unschuld gegenüber, die mit den gegenwärtigen kulturellen Krüstchen und Früstchen Schlitten fährt.

Angesichts von "Chunking" und "running sushi" geraten betuliche Modeethiken und knitterfreie Moraldidaktiken ebenso ins Abseits wie weltanschauliche Präpotenz und leerer Zynismus. Das Emotionale ist, so eine weitere Aussage dieser Arbeiten, nicht mehr durch das Nachahmen seiner beschränkten Äußerungsformen darstellbar. Es lässt sich nur noch in der Erfahrung des Zuschauers verlebendigen.

Mit derselben Prämisse bewegen sich Burrows und Fargion in "The Quiet Dance" auf der Rückseite des künstlerischen Psychologisierens. Die beiden faszinierenden Künstler arbeiten mit kleinen gestischen Zeichen, gekonnten Rhythmen, kalauerhaften Kommunikationsklischees und flockigem Minimalismus gegen den Missbrauch der Möglichkeit von Weltdeutung. Hier findet unsere Medienwelt keinen Zugang. Der Tänzer Jonathan Burrows und der Musiker Matteo Fargion wachsen zu einem Zwillingspaar à la Gilbert und George zusammen. Aber anders als diese operieren sie mit Ereignis- und nicht mit Bildstrukturen.

Tanzinterventionen

Die drei gleichermaßen blendenden Arbeiten sind im Kontext mit Superamas’ "Big 3rd Edition (happy/end)" oder Patrícia Portelas "Flatland 1", die ebenfalls im Festival zu sehen sind, noch einmal spannender zu lesen. Nämlich als Versuche, über choreografische und tänzerische Performance im Geschrei des Infotainments zu intervenieren – und es durch einen besseren Unterhaltungswert auszustechen. (Helmut Ploebst/DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2006)

  • Grace Ellen Barkey & Needcompany (B): "Chunking"
    foto: impulstanz/© maarten vanden abeele

    Grace Ellen Barkey & Needcompany (B):
    "Chunking"

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