Gerichtsstreit um Schwangerschafts- abbruch in Argentinien

31. August 2006, 11:43
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Geistig Behinderte vergewaltigt und geschwängert: Gesetzgebung erlaubt Abtreibung, RichterInnen urteilten gegenteilig

Die strenge Gesetzgebung Argentiniens erlaubt einen Schwangerschaftsabbruch in zwei Fällen: Wird eine geistig nicht gesunde Frau vergewaltigt, darf sie abtreiben; ist das Leben der Frau durch die Schwangerschaft gefährdet, ebenso. Alle weiteren Indikatoren gelten nicht. Und nun soll auch der erst genannte nicht zählen: Der Fall eines 19-jährigen Vergewaltigungsopfers, das geistig behindert und im vierten Monat schwanger ist, ist schon zwei Mal verhandelt worden; beide Male wurde der Lebensschutz über das explizite Recht auf Abtreibung in einem solchen Fall gestellt. Eine Richterin soll zugegeben haben, ihres Glaubens wegen voreingenommen gewesen zu sein.

Selbst für die politischen Verantwortlichen des katholischen Landes wie den Gesundheitsminister Gines Gonzalez Garcia unverständliche Entscheidungen - derweil Garcia eigentlich ein Gegner einer Lockerung der derzeitigen Gesetze ist: in diesem Fall sei es jedoch klar, dass ein Eingriff legal wäre - der Eiertanz der Gerichte würde die Tragödie der jungen Frau noch verschlimmern. Der Gouverneur von Buenos Airos Felipe Sola sprach sich ebenfalls gegen die "theokratischen" Urteile aus - sie würden bestehendes Recht untergraben.

Weltweite Regelungen

Totalverbot von Abtreibung gilt in 72 Ländern der Erde; der Großteil der süd- und lateinamerikanischen, afrikanischen, süd-, mittel-, zentral- und ostasiatischen Staaten sowie Irland, Malta, Andorra, Monaco und San Marino fallen in diese Kategorie (26 Prozent der Weltbevölkerung). Bei "enger medizinischer Indikation" darf in Polen, Liechtenstein, Argentinien und acht weiteren Ländern Süd-/Lateinamerikas, 13 afrikanischen und etlichen asiatischen abgetrieben werden (neun Prozent der Weltbevölkerung); "weite medizinische Indikation" gilt in 20 Ländern (3,5 Prozent). In Finnland, Island, Luxemburg, Zypern, Großbritannien und vielen anderen Ländern (die zusammen 21 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen) werden auch soziale Gründe akzeptiert. Die Fristenregelung, wie wir sie in Österreich kennen, gilt für 41 Prozent der Weltbevölkerung: In allen noch nicht genannten europäischen Ländern, weiters unter anderem in Nordamerika, Kuba, Tunesien, China, Nepal, Türkei und zwei afrikanischen Ländern südlich der Sahara, in Kap Verde und Südafrika (alle Angaben nach Stand 2005).

In Lateinamerika lebt die Hälfte aller Christinnen und Christen. Abtreibung ist größtenteils illegal - in Argentinien allein jedoch werden nach Schätzungen 500.000 bis 700.000 Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Weltweit stirbt alle sieben Minuten eine Frau an den Folgen einer illegalen Abtreibung.
Der Fall in Argentinien wird dieser Tage - erneut - entschieden werden. (red)

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    RichterInnen urteilen außerhalb des gesetzlichen Rahmens: Abtreibung wird zur Glaubensfrage.
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