Antonio Fian: Heesters, Alter, Ischl, Ich

31. Juli 2006, 12:16
7 Postings

Bericht aus der Herz-Kreislauf- Sonderkrankenanstalt über das Glück, Heesters singen zu hören

Da mein fünfzigstes Jahr hinter mir lag, niemand also mehr auf die Idee gekommen wäre, mich jung zu nennen; da, kaum dass ich ins einundfünfzigste getreten war, Abnutzung der Körpermaschine mich nach Bad Ischl in die dortige Herz-Kreislauf-Sonderkrankenanstalt geführt hatte (Herzkreislaufsonderkrankenanstalt? Ja, so heißt das): war es wenig verwunderlich, dass mir da häufig die Frage durch den Kopf ging, wie ich denn, falls ich es denn werden würde, alt werden würde.

Würde ich zu den Leidensprofis gehören, die, als hätten sie vorher kein Leben gehabt, sich an nichts anderes erinnern zu können schienen als an Schmerzen und Operationen? Oder zu den Lebensablaufsverweigerern, die, je gebrechlicher sie wurden, zu immer schwierigeren Berg-, immer anstrengenderen Fahrradtouren aufbrachen? Den Casanovas im Geiste, die zwanghaft Witze erzählten und denen jeder, ob sie wollten oder nicht, zur Zote geriet?

Mit solchen und ähnlichen Gedanken (und selbstverständlich ohne zu einem Ergebnis zu gelangen) schlenderte ich Nachmittag für Nachmittag durch das sonnige, operettenversponnene, kaisersissiverliebte Bad Ischl, und eines Nachmittags stieß ich auf ein Plakat, das einen Auftritt des 102-jährigen Sängers und Schauspielers Johannes Heesters im dortigen Kongress- und Theaterhaus ankündigte (Kongressundtheaterhaus, ja, unweit der Herzkreislaufsonderkrankenanstalt).

Niemals vorher wäre ich auf die Idee gekommen, mir ein Konzert vom Heesters anzusehen, den ich mir anders als in seinem immergleichen Danilo-Kostüm überhaupt nicht vorstellen konnte, in diesem Augenblick aber war mir klar, dass ich ihn hier und jetzt unter allen Umständen sehen wollte. Er war fast genau doppelt so alt wie ich, und so alt werden - bittere Erkenntnis - nicht viele Menschen, schon gar nicht Männer, und wenn doch, dann stellen sie sich nicht auf Bühnen und singen.

Was erwartete, was hoffte ich zu sehen? Ich vermute: Einen Beleg für meine These, dass solche Auftritte einem würdevollen Altern zuwiderlaufen und besser unterbleiben sollten. Einige Jahre vorher hatte ich ein Konzert des von mir verehrten Eric Burdon besucht. Er war damals ungefähr so alt gewesen wie ich jetzt, und ihn zu sehen und zu hören war bestürzend gewesen.

Und was sah ich im Bad Ischler Kongressundtheaterhaus? Ich sah einen alten, sehr weißhaarigen Mann, der, geführt von seiner um fünfzig Jahre jüngeren Gattin (mein Alter!) und einem Klavierbegleiter, die Bühne betrat, an das Klavier gelehnt wurde, dort stehen blieb und, nach kurzen Worten der Begrüßung, zu singen begann, mit einer alten, aber alles andere als schwachen Stimme, nicht ganz sicher, aber - genau kann ich das nicht beurteilen, ich bin nicht vom Fach - möglicherweise nicht viel weniger unsicher als früher, am Höhepunkt seiner Karriere. Ich sah, spätestens ab dem zweiten Lied, diesen Mann aufblühen, agieren, als ginge es darum, einen Preis zu gewinnen oder einen erfolgreichen jüngeren Konkurrenten in Grund und Boden zu singen.

Und ich sah, wie sein anfangs ausdrucksloses, altes, fast doof wirkendes Gesicht sich verwandelte und einreihte, gleichberechtigt, zwischen die großen Altersgesichter der Showbranche, Chaplin, Becaud und so weiter. Ein bedeutender, kluger, erfahrener Entertainer stand da auf der Bühne und hatte nach wenigen Minuten sein Publikum hingerissen zu Applausstürmen und Bravorufen.

Es war nicht zu leugnen, dass Johannes Heesters'Alter zum Erfolg seines Auftritts beitrug, aber es machte ihn nicht allein. Im Gegenteil, wäre es nicht zwischendurch immer wieder völlig bedeutungslos geworden, der Star wäre nicht mehr gewesen als ein Kuriosum, sein Erfolg der einer Freak-Show. Es war das Zusammenspiel von Professionalität, mit der hier einer seinen Beruf ausübte, einem klug zusammengestellten Programm und einer wie achselzuckenden Hinnahme der Probleme, die hohes Alter zwangsläufig mit sich bringt, das die Faszination ausmachte.

Wie Heesters während des Singens immer wieder lautstark "Text!"einforderte, dessen Anfangszeilen ihm der Pianist dann ebenso lautstark vorsagte, daran war nichts Unangenehmes oder Störendes; es wurde nicht nur verziehen, sondern bald schon erwartet und, wenn es längere Zeit ausblieb, sogar vermisst.

Selbst in seiner angestammten Rolle war er nicht peinlich, sondern, ganz anders als die Casanovas im Geiste, berührend, ein Wesen voll von, nein, bestehend aus Erinnerungen, denen man kann nie wissen - noch neue hinzugefügt werden könnten und die es gebündelt in die Zukunft trägt.

Standing Ovations gab es am Ende des Konzerts, auch von mir. Ich war am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, in der richtigen Verfassung, um Johannes Heesters singen zu hören. Ein Glück. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7.2006)

Share if you care.