Der Fremde von gestern

9. Oktober 2006, 14:54
1 Posting

Emil Frey, weit über 80 Jahre alt, erscheint als armer Mensch, seine Worte, seine wachen, listigen Augen ...

"Das versteht ihr Jungen halt noch nicht." Das zerfurchte Gesicht, der wirre Bart, die Sturmfrisur, die zerschlissene Kleidung - Emil Frey, weit über 80 Jahre alt, erscheint als armer Mensch, seine Worte, seine wachen, listigen Augen, seine Art, mit dem Gehstock zu spielen, zeigen, dass seine Gedanken nicht seiner Erscheinung entsprechen. Was die Jungen nicht verstehen, ist sein Begriff von Heimat. Er wohnt am Zürichsee, dort wo er geboren wurde, in einem baufälligen Bauernhaus, armselig inmitten einer modernen Siedlung, die um ihn herum gebaut wurde. Er soll dort weg, der Kampf gegen seine Delogierung wurde zum Lebensinhalt.

Heimat - lebenslänglich umriss in der 3sat-Dokumentarfilmzeit diesen Anachronismus, die Schwierigkeiten, die ein Mensch, der ganz Vergangenheit ist, inmitten der Jetzt-Menschen hat, weil er ihnen Toleranz abfordert. Sein Stolz, seine Sturheit, seine kohärente Lebenssicht aus einer anderen Zeit lassen ihn seine Autonomie bewahren, wach bleiben, ihn - entgegen allem Anschein - Lebensqualität spüren.

"Ein Esel ist ein flexibles Wesen im Vergleich zu Emil Frey", sagt der Gemeindeschreiber über den Widerspenstigen, der einen Hauptteil seiner Zeit mit Korrespondenz mit der "Justiz" verbringt. Der Beamte hat eine ausgewogene Meinung: Man müsse Verständnis für die Menschen "außerhalb des Mainstreams" haben und die Eigenverantwortlichkeit dieses alten Menschen respektieren.

Das scheint nicht nur am Zürichsee vonnöten. (pum/DER STANDARD; Printausgabe, 31.7.2006)

Share if you care.