Selbstbewusst gegen den Rest der Welt

31. Juli 2006, 17:07
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Schwedens Gewerkschaften sind stark - obwohl auch dort Mitglieder schwinden

Trotz etwas gesunkenen Einflusses in den letzten Jahren sind Schwedens Gewerkschaften weiterhin sehr stark. Mit einem Organisationsgrad von 79 Prozent liegt Schweden weltweit an der Spitze. Das Streben nach friedlicher Einigung zwischen Arbeit und Kapital, verankert im historischen Vertrag von Saltsjöbaden von 1938, hat das "schwedische Modell"geprägt. Dieses System mit starken Gewerkschaften, Tarifverhandlungen und vergleichsweise geringen Arbeitskonflikten besteht in seinen Grundzügen fort - trotz rascher Veränderungen im Arbeitsleben in jüngster Zeit.

Die hohe Akzeptanz beruht nicht zuletzt auf der Tatsache, dass die Gewerkschaften seit den 30er-Jahren die aus Steuermitteln finanzierten Arbeitslosenkassen verwalten. Die drei gewerkschaftlichen Dachverbände LO (für Arbeiter), TCO (für Angestellte und Beamte) und SACO (für Akademiker) vereinigen unter sich jeweils mehrere Einzelgewerkschaften; daneben gibt es einige frei stehende Gewerkschaftsverbände.

Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten

Mit 1,831.385 Mitgliedern ist LO der größte und mächtigste Gewerkschaftsverband. Seine Macht resultiert nicht zuletzt aus der mittlerweile über hundert Jahre währenden engen Zusammenarbeit mit den starken Sozialdemokraten.

Unter dem wachsenden Druck auf den Wohlfahrtsstaat hat sich die "LO-Fraktion"im Konflikt zwischen Traditionalisten und Erneuerern zunehmend als Hüter der Tradition profiliert. Auch vor den kommenden Reichstagswahlen im September kommt die Regierung unter dem Reformer Göran Persson an LO nicht vorbei. LO-Vorsitzende Wanja Lundby-Wedin wird als heißer Tipp für eine eventuelle Persson-Nachfolge gehandelt. Die übrigen Gewerkschaftsverbände sind hingegen um eine Abgrenzung von den Sozialdemokraten bemüht.

Vergangenheit

Die großen Gewerkschaftsverbände sind im internationalen Vergleich wohlhabend. So verfügen LO und TCO in ihren Rücklagenfonds für Streikmaßnahmen über etwa 20 Mrd. SEK (2,2 Mrd. Euro) bzw. zwölf Mrd. SEK. Sorge bereitet den Gewerkschaften die sinkende Kampfeslust der Basis und der Mitgliederschwund in jüngster Vergangenheit. So hat LO seit Mitte der 90er-Jahre jährlich 30.000 bis 40.000 Mitglieder verloren. Auch bei TCO ist der Trend rückläufig, lediglich die Akademikergewerkschaft SACO verzeichnet einen Anstieg. Vor allem junge Arbeitnehmer verschmähen die Gewerkschaft, und in Klein- und Start-up-Unternehmen insbesondere der Informationstechnologie ist der Organisationsgrad niedrig.

Rückendeckung

Seit 1995, als Schweden der EU beitrat, waren mehrere Aufsehen erregende Arbeitskämpfe vom Konflikt zwischen schwedischem und gesamteuropäischem Arbeitsrecht geprägt. So wurde der Spielzeugriese "Toys 'R Us", der die Unterzeichnung eines Tarifvertrages zunächst umgehen wollte, nach mehrmonatigen Protesten und Sympathiestreiks 1995 in die Knie gezwungen. Ein lettisches Bauunternehmen, das zwar ein lettisches, aber kein schwedisches Tarifabkommen unterzeichnet hatte, musste 2005 nach umfassenden Blockaden Konkurs anmelden.

Auch in diesem Fall konnten sich die Gewerkschafter der Rückendeckung durch die Regierung sicher sein. Schweden gehörte zu den konsequentesten Verfechtern einer Änderung der ursprünglichen, stark umstrittenen Form der EU-Dienstleistungsinitiative. (Anne Rentzsch aus Stockholm/DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2006)

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