Kindlicher Zauber der Oberfläche

20. Juli 2007, 16:43
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Premiere von Mozarts "Zauberflöte" im Großen Festspielhaus: Regisseur Pierre Audi bleibt an der Oberfläche des Werkes

... und überlässt die Vertiefung der Oper den Sängern.

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Salzburg - Und plötzlich ist noch eine Bastienne auf der kleinen Bühne, mitten in der Mozart-Oper - und sie ist ein ungebetener Gast. Der Schauspieldirektor hat zwar tatsächlich zwei Damen engagiert, aber doch eher für separate Auftritte und nicht im Sinne einer Verdoppelung.

Wir sind im Salzburger Marionettentheater, wo man den 22-Mozart-Opern-Zyklus mit der Verschränkung von Bastien und Bastienne und Schauspieldirektor auf sympathische Art und Weise bereichert. So ein Regieeinfall mit der Verdoppelung einer Hauptfigur (Inszenierung: Thomas Reichert) wäre womöglich in einem der traditionellen Festspielhäuser wieder so eine "ärgerliche"Provokation.

Aber Puppen stimmen offenbar milde; hier bewundert man einfach, wie die kleinen Holzstars bei Mozart der Schwerkraft einen Korb geben und ein Gestenrepertoire einbringen, das auch manchen Opernsänger blass aussehen lassen würde.

Im Großen Festspielhaus - tags darauf bei der Premiere der Zauberflöte - gibt es keine derartige Verdoppelungen der Figuren wie im Marionettentheater. So viel Kühnheit war nicht möglich. Zweifellos jedoch hätten die Puppen des Marionettentheaters hier gut hineingepasst; sie hätten problemlos integriert werden können, ohne aufzufallen. Schließlich: Die drei Knaben etwa sind zuerst ja auch Puppen - in einem Doppeldecker fliegen sie über die Bühne.

Aber da ist noch mehr. Hier, in der Inszenierung von Pierre Audi, darf man auch ein bisschen zum Kind werden. Und wer schon alle Mozart-Versuche des diesjährigen Salzburger Sommers seit Montag gesehen hat, ist vielleicht auch verleitet zu danken, dass er ermuntert wird, sich einfach zurückzulehnen und sich, von Deutungen unbehelligt, über die Oberfläche des Stückes führen zu lassen.

Brennende Ritter

Audi hat alles Rätselhafte ruhen lassen, also erst gar nicht thematisiert. Er lässt die Figuren in einer Welt zwischen "Die unendliche Geschichte"und Wurstelprater agieren. Die Bühne, vom verstorbenen Maler Karel Appel ersonnen, bietet passend dazu verschiebbare Felsen, archaische Skulpturen und bunte, bisweilen wild expressive Malerei.

Es ist eine Fantasiewelt, die Ritter mit brennenden Helmen bietet, eine Welt, in der die drei Damen alpin gestylt sind und Papageno (intensiv Christian Gerhaher) ein hektischer Rastalockenträger mit Flower-Power-Flair ist, der ein kleines Auto besitzt. Sarastros Welt ist da vergleichsweise kühl als offene Pyramide angelegt; harmlos bunt ist darin Monostatos (tadellos Burkhard Ulrich) als eine Mischung aus Falstaff und liebessüchtigem Clown unterwegs.

Das ist alles sehr lieb, familienfreundlich, bietet Konsenskost, zieht sich dann aber ein bisschen sehr. Wobei: Die Personen immerhin, sie liefern keine träge Stehpartie, sind durchaus lebendig gezeichnet. Bis Sarastro (profund René Pape) langsam die Oberhand gewinnt. Da wird es rituell und statisch. Da belebt kein Einfall das flaue Dahingleiten der Handlung.

So bleibt es ein Abend der tollen gesanglichen Leistungen, und immerhin erlangt das Ganze im Vokalen eine gewisse Tiefe durch Genia Kühmeier (als Pamina), Paul Groves (als Tamino) und die grandiose Diana Damrau (als Königin der Nacht). Auch Dank der Unterstützung der Wiener Philharmoniker und Riccardo Muti.

Der italienische Dirigent (er hat auch die Zauberflöte des Vorjahres dirigiert, die durch diese Produktion ersetzt wurde) hat es nicht eilig, er will jede Sekunde auskosten und den Sängern helfen. Er schwört das Orchester auf eine kammermusikalische, zurückhaltende Diktion ein, lässt alles schön klingen. Aber irgendetwas fehlt.

Muti lässt das Orchester nämlich gleichsam auf Zehenspitzen, mitunter bis zur Unscheinbarkeit vorsichtig agieren. Bis man mitunter glaubt, eine große schüchterne Gitarre zu hören, die schön, aber maschinell Begleitung abliefert. Phrasierungslethargie erzeugt Gleichförmigkeit, es fehlen dramatische Akzente. Zum Schluss hin wird dies etwas durchbrochen. Aber sehr oft lässt man sich die Chance entgehen, mit den Bühnenvorgängen in Dialoge zu treten. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.7.2006)

Vorstellungen: 4., 10., 13., 19., 21., und 26. 8., 19.00.
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    Zwei Welten, die miteinander nicht klarkommen: Paul Groves (als Tamino, li.) und Christian Gerhaher (als Papageno, re.) - etwas tiefer Diana Damrau (als Königin der Nacht).

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