Angstballett der Machtspaßhaber: "Tartuffe"

20. Juli 2007, 16:43
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Regisseur Dimiter Gotscheff entschlackt Molière auf der Halleiner Perner-Insel

Hallein - Das Heuchelmonster Tartuffe, das in Molières gleichnamiger Komödie als Parasit in das Familienidyll des Monsieur Orgon einfällt, um Geld und Frau zu kapern, kommt bei Regisseur Dimiter Gotscheff (einem Bulgaren) aus Nicht-Europa. Aus einer dämonisch entrückten Zone, in der Justiz in göttlichem Namen geübt wird, in der man den Nächsten gegebenenfalls den Hals aufschlitzt, um selbst durchzukommen.

Dieser arme Teufel Tartuffe (Norman Hacker) schwirrt wie ein Schläfer durch die Vergnügungslandschaft der Superreichen bei Orgon (Peter Jordan), um mit den Nutznießern der westlichen Welt in Seelenruhe seine Rechnung zu begleichen. In der Fassung Gotscheffs (Übersetzung Benno Besson/Hartmut Lange) bleibt das keine Komödie.

Ein Mann, der nichts zu verlieren hat, steht im Funkenschlag der nämlichen Spaßgesellschaft da wie ein Pulverfass. Gigantische Konfetti-Fontänen gehen in der Halle der Perner-Insel nieder. Im Rhythmus markerschütternder Fanfarenmusik (Sir Henry) speien Sturmmaschinen aus den vier Bühnenwinkeln ihr Glitzerwerk (Bühne: Katrin Brack) und beschneien den darunter hockenden Klan der Blödiane: Wohlstandsleichen, die sich an der Leichtigkeit ihres Lebens die schönen Zähne ausgebissen haben. Nichts ist zu tun, alles zu verlieren.

Sie werden sich - in präzise choregrafierten Figuren - in ihrem knöchelhoch liegenden Spaßteppich in der Folge immer wieder verheddern, Papierschleifen nachziehen und einknicken. Die Schnipsel bleiben wie Pflaster auf kleinen Wunden kleben.

Das grandiose Ensemble vom Thalia Theater Hamburg tanzt bei dieser Festspiel-Premiere ein Ballett der Angst, klappt puppengleich Beine und Hüften aus, während es rundum eng wird. Denn Tartuffe zieht bereits mit spitzen Fingern verächtlich an den wie gefrorener Regen hängen gebliebenen Fäden.

Familienvater Orgon trägt schwer an seinem Reichtum und sieht im armen Teufel Tartuffe den billigen Erlöser. Er trägt, von dessen reiner Seele inspiriert, nur mehr naturbelassenes Leinen und singt zum Seelenheil Oh Happy Day.Paula Dombrowski gibt seine reglose, libidinös untote Stiefmutter. Sohn Damis (Andreas Döhler) ist ein Bettpisser mit nervösem Knie, dem seine freigelegten Tennisschenkel im Angesicht des Vaters noch im Erwachsenenalter einknicken. Ähnlich Tochter Elmire, eine feige Nuss in Hot Pants (Paula Dombrowski) mit einem Möchtegerngatten (Ole Lagerpusch).

Die Stimme der Unterdrückten führt Zofe Dorine, Judith Rosmair als kaltschnäuzige Putze in Flipflops: Wenn Damis sie eine "Pollackennutte"schimpft, plärrt sie zurück: "Ich bin Bulgarin, und wir sind bald in der EU!"

Gotscheff hält fest an einer Kapitalismuskritik, nach der aus den Opfern die Täter erwachen. Manch einem schien das zu einfach. Doch diesen entschlackten Totentanz soll erst jemand nachmachen. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2006)

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